Die Presse über Spectrum Concerts


Blühe auf! - Bei Spectrum Concerts führt die Gegenüberstellung der Komponisten Johannes Brahms und Ernst Toch im Kammermusiksaal zuspannenden Hörerfahrungen.


Die Musiker vom Spectrum Concerts sind hartnäckig: Obwohl Ernst Tochs selbstironische Aussage, der „am gründlichsten vergessenste Komponist des 20. Jahrhunderts“ zu sein, noch immer aktuell ist, räumen sie dem Werk des 1933 emigrierten, neoklassisch angehauchten Modernisten einen prominenten Platz in ihren Programmen ein. Mag ein Anteil von 50 Prozent Toch und 50 Prozent Brahms schon ausreichen, die Reihen des Kammermusiksaals der Philharmonie zu lichten – für die Anwesenden lohnt sich die Gegenüberstellung. In Tochs Streichtrio finden Annette von Hehn, die besonders mit ihrem glänzenden, tragenden Geigenton auf sich aufmerksam macht, gemeinsam mit Hartmut Rohde und Jens Peter Maintz zu einem überzeugenden Ton sachlicher Poesie, bei der sich das Interesse an vielfältigen Texturen und am emotionalen Ausdruck die Waage halten.

Und Maintz’ Interpretation von Tochs Cellosonate ruft sogar noch einen größeren Spontanjubel hervor als seine differenzierte und farbenreiche Darbietung von Brahms’ Sonate für Klavier und Violoncello – wohl auch deswegen, weil seinem Klavierpartner Jascha Nemtsov das ObsessivMechanistische der Toch’schen Sonate besonders liegt. Zu einem Fest von Leidenschaft bei gegenseitiger Achtsamkeit wird schließlich Brahms’ erstes Streichsextett: Die Musiker verlassen sich nicht auf einen uniform süffigen Sound, sondern erkunden einfühlsam die spezifischen Farben der einzelnen Instrumentenkonstellationen, wodurch sich ein frisches, transparentes und im Tutti noch umso eindrucksvoller aufblühendes Klangbild ergibt.

 

Quelle: Tagesspiegel vom 30.05.2014

 

 

Kammermusik von Anton Arensky und Hans Werner Henzes: „Requiem“ in der Philharmonie Berlin


Wiederum vom Reichtum guter Musik zeugte ein zweigeteilter Abend in der Philharmonie. Kammermusik der besten Sorte, komponiert von dem Russen Anton Arensky (für viele Hörer noch unbekannt) kam im Kleinen Saal zu Gehör mit den Spectrum Concerts Berlin, einer Gruppe Musiker hoher Spielkultur. Danach dann die allseits bewährte „Late Night“ mit Hans Werner Henzes „Requiem“, geboten von den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle. Enormer Zulauf im großen Saal. An die 2000 Leute hatten Platz genommen. Unter ihnen erfreulich viele junge Gesichter. Neue Musik, über 80 Minuten ganz die Aufmerksamkeit auf sich ziehend, vor ein breites Publikum gebracht. Das gibt es nicht so oft.

Schon das Klavier-Trio op. 32 des Russen ließ aufmerken durch seine melodische Prägnanz und so überraschende wie feinsinnige Kontrastbildungen. allenthalben die Eskapaden des Scherzo-Satzes bestechen. Das Werk wird gelegentlich durchaus gespielt und scheint das einzige Stück, das Arenskys Namen im hiesigen Musikleben bekannt gemacht hat. Wer ist dieser immer noch Unbekannte? Arensky wurde 45 Jahre alt und starb 1906. Sein Stern erhellt schon früh den zentralen russischen Betrieb. Seine Eltern, Mutter Pianistin, Vater Arzt, unterstützen den Jungen, der schon mit neun zu komponieren anfängt. Arensky studiert alsdann 3 Jahre in St. Petersburg Komposition, Dirigieren und Klavier. Mit sage und schreibe 21, unter Bedingungen strengster Auslese, erhält er eine Professur für Tonsatz am Moskauer Konservatorium. Skrjabin und Rachmaninow zählen zu seinen prominenten Schülern. Eine Zeit lang leitet Arensky, unterdes zum Meister geworden, in St. Petersburg die zaristische Hofsängerkapelle, um sich ab 1901 ganz dem Komponieren und Konzertieren zu widmen. Kehrseite: Der lebhafte Russe, dessen Denkschärfe Zeitgenossen hervorheben, versucht seine Künste zugleich im Glückspiel und neigt im Übermaß dem Alkohol zu, was ihn tragischerweise wohl auch künstlerisch geschwächt hat. Zuletzt erkrankt er an Tuberkulose und stirbt daran. Viel zu früh selbstredend. Bei Anton Arensky ist die blutvoll strömende Seele á la russe, in Töne gefasst, abwesend. Die Charaktere der gehörten Werke stehen unter zentraleuropäischem Stern mit russischen Tönungen etwa in Gestalt der „Elegia“ des Trios. Zumindest offenbarte es dem Ohre sich so. Des Meisters Quartett op. 35, eigentümlich gesetzt für Violine, Viola und 2 Violoncelli, eine raffiniert in dunkle wie zwielichtige Sphären leuchtende Trauermusik auf den Tod Tschaikowskis, variiert einmal thematisches Material des großen Vorbilds, zum anderen reiht es mehrere Abschnitte antithetische aneinander, was seinerzeit durchaus kühn gewirkt haben dürfte. Wie beim Trio erlebten die Hörer hier eine hochkonzentrierte, technisch absolut ausgefeilte, überaus einfühlsame Aufführung. Höhepunkt das 1900 komponierte Quintett für Klavier, 2 Violinen, Viola und Violoncello op. 51. Hier scheint Arensky vielmehr Deutsch-Österreicher als Russe. Schon der eröffnende Variationssatz ruft eine Melancholie auf, wie sie ähnlich Schubert-Lieder mitführen, geht es darin um die Mühsal des Daseins. Geradezu aufreizend die Erfindungskräfte des quicklebendigen Scherzos. Das nicht minder inspirierte Finale enthält eine konfliktträchtige „Fuga“ in Moll. Von der Themenexposition bis zur rumorenden Engführung darin ist es nur ein Schritt. Krönend das kurze Schlussallegro. Viel Beifall für die den ganzen Abend über hoch motiviert agierenden Mitglieder des Spectrum Concerts Berlin.

Die „Late Night“ stand im Zeichen des Gedenkens an Hans Werner Henze. Und dies konnte nicht besser gelingen als mit dem Requiem – Neun geistliche Konzerte für Klavier solo, konzertierende Trompete und großes Kammerorchester. Henze komponierte das abendfüllende Opus 1990 – 1992. Ein Wurf. Geschöpft in heißer Zeit, die Welten verwarf, ohne sie je verschwinden zu machen. Dass dieselben in ihrem innersten Kern fortleben, davon kündet diese ungeheure Schöpfung. Der „Introitus“ nimmt sich noch harmlos aus, vergleichsweise. Denn schon vor Schluss des „Dies Irae“, der Teil verlangt es so, entlädt der philharmonische Körper ein Ganzteil seiner percussiven und blasphonischen Kräfte. Das „Ave verum“ ist eine Art Trauersymphonie mit obligatem Klavier, dies selbige sichtlich körperlich traktiert von Ohad Ben-Ari. Die Streicher werfen ihre Schatten darin gleichermaßen. Das nachfolgende „Lux aeterna“ materialisiert eine Klangszene mit radikalen Rückbezügen auf das Dies Irae, was die Philharmoniker unter Simon Rattle ermuntert haben dürfte, die Höhen des Werkes schamlos offen auszumusizieren. Der Trompeter Gábor Tarkövi tritt im Rex tremendae erstmals auf. Das Klavier gesellt sich ihm. Stopp. Fermate, worin universaler Ausdruck wohnt. Dann ein Marsch, so unglaublich, so fremd, so fordernd, dass jeglicher Stiefelschritt sich darüber verflüchtigt. Hier tobt alle klangkörperliche Möglichkeit rebellisch sich aus, wider den Geist der Zeit. Die höheren und hohen Streicher erheben sich im anschließenden „Agnus dei“ ehrfürchtig und spielen ihr zärtlich Lied, unterbrochen bisweilen durch und verklammert mit klavieristischen Linien. Der instrumentelle Rest hört dem Geschehen lediglich zu. Der Hörer erlebt hier den anmutigsten, sensitivsten Satz des Requiems. Dann der Angriff des „Tuba mirum“ mit dem kompletten Aufgebot an Percussion, Blech, Holz. Hier schweigen außer Kontrabass sämtliche Streicher. Staunenswertes enthüllt im vorletzten „Lacrimosa“ die Solotrompete, wenn sie ihre Blasverse gestopft hersagt. Das abschließende „Sanctus“ vereinigt verschlungen orchestrierte Melodiebögen (sekundiert von Trompetenstößen im Raum) mit einer Kakophonie höherer Ordnung zu einem großen finalen Choral. Welch kompositorische Meisterhaftigkeit. Welche Höhe der Wiedergabe. Welche Hoffnung. Beifall über Beifall. Eine denkwürdige Stunde des Konzerts.

 

Quelle: Neues Deutschland

 

Ätherisch - Spectrum Concerts Berlin im Kammermusiksaal der Philharmonie


Man werde ihn schnell vergessen, prophezeite sein Lehrer Nicolai Rimsky-Korsakow. Und in der Tat ist Anton Arenskys Name auf Programmzetteln dieser Welt wenig geläufig. Umso mutiger, dass die Musiker der ums Überleben kämpfenden Spectrum-Concerts-Reihe einen reinen Arensky-Abend veranstalten. Mit dem beherzten Plädoyer für den glücklosen Russen lassen sie im Kammermusiksaal ernsthafte Zweifel an Rimsky-Korsakovs Verdikt aufkommen. Rückwärts gewandt und süffig mag Arenskys Stil sein, doch mit ihrem transparenten, leicht distanzierten Spiel verhindern die Musiker schon im Klaviertrio op. 32 (1894) jedes Abrutschen in Schwelgerei, so sehr das Thema im Kopfsatz dazu verleiten mag. Mit einem wunderbar flächigen Plätschern grundiert Pianist Eldar Nebolsin die Motive, die sich Geiger Boris Brovtsyn und Cellist Boris Andrianov zuspielen, bevor er die Durchführung geradezu durchsichtig erscheinen lässt. An die Stelle der Kitschkeule tritt eine filigran gewobene Textur, die sich nicht auf Höhepunkte stürzt, sondern sie herauszögert, ihnen auch entgegen steuert. Brovtsyn wiederholt das Thema in der Reprise so zärtlich, dass man meint, der Bogen berühre die Saiten kaum. Im Kontrast dazu: ein heiter kantiges Scherzo. Die Ironie der kapriziösen Oktavsprünge und knallenden Triller in Extremlagen bleibt hier allerdings vornehm im Hintergrund. Dafür gewinnt die melodiöse Elegie an Wirkung: ausgewogen die melancholische Cellolinie zu Beginn, ätherisch der Streicherton, der das jenseitig mäandernde Klaviersolo begleitet. Als das Thema in der Geige wiederkehrt, erscheint es kaum mehr greifbar. Ein zauberhaft im materielles Spiel! Seinem Leitstern Tschaikowsky schuf Arensky mit dem Streichquartett Nr.2 ein Denkmal. Die doppelte Cellobesetzung setzt den düsteren Grundton, den der Variationensatz auf Tschaikowskys „Litanei“ in alle Richtungen zersplittert. Das Intensitätscrescendo des Abends vollendet der inbrünstig-feurige Ton im Klavierquintett. Nicht nur der Komponist, auch die Musiker scheinen einen Entwicklungsbogen durchlebt zu haben. Was letztlich für Arensky spricht.

 

Quelle: Tagesspiegel vom 27. April 2014

Russisches Plädoyer für Europa - Musik von Anton Arenskij bei den Spectrum Concerts


Brisanz in politischen Debatten zu entwickeln, ist der wortlosen Musik fast unmöglich. Aber die Kompositionen von Anton Arenskij, die nun in konzentrierter Form in Berlin zu hören sein werden, haben sich um 1900 in einer Weise politisch positioniert, die sich innerhalb der letzten Tage jäh mit Aktualität aufgeladen hat. „Russland ist nicht Europa“, überschrieb Wladimir Putin jüngst die Direktive für die kulturelle Ausrichtung seines Landes. „Russland ist doch Europa“, hielten ihm zahlreiche Künstler entgegen, lange bevor Putin überhaupt geboren war. Spätestens seit dem Sieg über Napoleon hat man in Russland über die Frage gestritten: Wohin gehört dieses Land? Nach Westen oder nach Osten? Diese Debatte zwischen Westlern und Slawophilen betraf die Politik wie die Kunst. Einer der entschiedensten Westler war der Schriftsteller Iwan Turgenjew. Er legte in seinem Roman „Rauch“ von 1867 der Hauptfigur Potugin sein Bekenntnis in den Mund: „Jawohl, ich bin Westler, bin Europa zugetan; das heißt, exakter ausgedrückt, ich bejahe seine Bildung, eben jene Bildung, über die man sich jetzt mit Vorliebe bei uns so mokiert, die Zivilisation – jawohl, dieses Wort ist noch besser –, ich liebe sie von ganzem Herzen, ich glaube an sie, und einen anderen Glauben habe ich nicht und werde ich auch nie haben“.

 

In der Musik gilt Peter Tschaikowsky als der größte Europäer Russlands. Als Tschaikowsky 1893 starb, schrieb Arenskij zu dessen Gedenken ein Streichquartett a-Moll op. 35 mit zwei Celli statt zweier Violinen. Es verwendet Gesänge aus der russisch-orthodoxen Totenliturgie in einer Gattung westlicher und weltlicher Instrumentalmusik. Denn darum war es Tschaikowsky und Arenskij gegangen: die eigene Kultur voller Stolz in der Zivilisation Gesamteuropas zu verankern, statt sie vom Rest der Welt zu isolieren. Arenskij war ein intellektuell brillanter Komponist, der bedeutungsgeladene Materialien und Techniken verwendete und wie in Essays ohne Worte kulturpolitische oder handwerkliche Themen bearbeitete, aber stets so, dass seine Musik die mühelose Eleganz der russischen Belle Époque wahrte. Es ist großartig, dass die Spectrum Concerts Berlin einem solch ehrgeizigen Denker an diesem Freitag einen ganzen Abend widmen. Neben dem Streichquartett zum Gedenken an Russisches Plädoyer für Tschaikowsky wird noch sein Klaviertrio d-Moll op. 32 zu hören sein, das wiederum einem Westler der russischen Musik, dem 1889 verstorbenen Cellisten Karl Dawydow, gewidmet ist, der zwei Jahre lang Solocellist des Leipziger Gewandhausorchesters gewesen war. Am Ende des Konzerts steht das Klavierquintett D-Dur op. 51, das spieltechnisch und denktechnisch vor Virtuosität strotzt. Arenskij setzt sich polemisch mit der These auseinander, dass die westliche Fuge dem russischen Volkslied nicht angemessen sei – und schreibt im Finale eine Doppelfuge mit einem Thema, das wie ein russisches Volkslied klingt, in Wahrheit aber aus Frankreich stammt: „Sur le pont d’Avignon j’ai ouï chanté la belle“. Das ist musikalischer Spitzentanz auf der Nase des russischen Nationalismus.

 

Man darf sich freuen, dass es die Spectrum Concerts weiter gibt, die der Cellist Frank Sumner Dodge gegründet hat und bis heute mit Herzblut leitet. Im vergangenen Jahr sah es so aus, als ließen sie sich nach einem Vierteljahrhundert nicht länger finanzieren. Doch dann traten vier großzügige Geldgeber in Erscheinung; zusätzlich steuerte das Land Berlin der sonst rein privat getragenen Reihe ein Viertel des Etats bei. Es sei, so Frank Dodge, ziemlich illusionär gewesen, in Berlin eine Musikreihe nach amerikanischem Vorbild über Sponsoren finanzieren zu wollen. Die Kultur sei hier eben doch eine andere. Seit Neuestem stärkt die Botschaft der jungen Republik Kosovo den Künstlern den Rücken. Denn im Februar 2013 waren vier Mitglieder des Spectrum Ensembles eine Woche lang in Prizren, im Kosovo, um dort zu unterrichten und gemeinsam mit Schülern einer Musikschule ein Konzert zu geben. Sogar ein Film ist darüber in Zusammenarbeit mit dem RBB-Fernsehen entstanden, der im Oktober 2013 landesweit ausgestrahlt wurde. Am Freitag spielen nun Boris Brovtsyn und Alexander Sitkovetsky (Violine), Maxim Rysanov (Viola), Jens Peter Maintz und Boris Andrianov (Violoncello) sowie Eldar Nebolsin (Klavier) einen ganzen Abend lang Arenskij. Wem in dieser Stadt an geistiger Beweglichkeit und an Kammermusik auf höchstem Niveau liegt, der sollte Spectrum Concerts unterstützen und den Auftakt zur 26. Saison nicht verpassen.

 

Quelle: Berliner Zeitung, 23. April 2014

Große Wellen: Spectrum Concerts im Kammermusiksaal

Benedikt von Bernstorff über Spectrum Concerts im Tagesspiegel vom 25.06.2013

Georges Enescus Streichoktett, das der Komponist 1901 im Alter von 19 Jahren schrieb, ist wie Mendelssohns identisch besetztes op. 20 ein Dokument früher Meisterschaft. Schönbergs zwei Jahre früher entstandener „Verklärter Nacht“ steht es als Stimmengeflecht und Seelengespinst von düster-leidenschaftlichem Ausdruck nahe. Man kann die im Detail so fein gehäkelte, von niemals nachlassender Intensität gekennzeichnete Komposition kaum schöner spielen, als es dem durchweg fantastisch besetzten, von der wunderbaren holländischen Geigerin Janine Jansen angeführten Ensemble an diesem Abend im Kammermusiksaal gelingt.

Die Entwicklung vom bleichen Klangteppich, der zu Beginn des langsamen Satzes ausgelegt wird, bis zur abschließenden mächtigen Unisono-Kaskade begreifen die Musiker als eine einzige, riesenhafte Steigerung. Man möchte fast nicht glauben, dass kurzfristig zwei Musiker umbesetzt werden mussten, so fein ist die Abstimmung, so transparent bleibt der Klang in der dicht gewebten Struktur des Werkes. Robert Helps Nocturne für Streichquartett vermittelt zwischen der Ausdrucksmusik Enescus und dem eher serenadenhaften Charme von Beethovens Septett für Streicher und Bläser, das vor der Pause gegeben wird. Das Konzert schließt die Saison der Spectrum Concerts ab. Die einzigartige Kammermusikreihe, deren künftige Finanzierung noch unsicher ist (Tsp v. 18.6.), sollte Berlin unbedingt erhalten bleiben.

Quelle: Tagesspiegel.de

 

Mehr als nur schnell: Boris Brovtsyn glänzt im Kammermusiksaal

Christian Schmid über Spectrum Concerts im Tagesspiegel vom 27.05.2013

Wenn im Juni das letzte Konzert der ambitionierten Kammermusikreihe „spectrum concerts“ verklungen ist, weiß niemand, ob es nach der 25. Saison eine Fortsetzung geben wird. Das herausragende Projekt des Cellisten Frank Sumner Dodge und seinen namhaften Mitstreitern scheint am Geld zu scheitern. Angesichts der zu vielen leeren Reihen im Kammermusiksaal am Freitagabend ist das nicht verwunderlich: Wer sich hochklassiger Musik verschreibt und nicht gefördert wird, dem droht immerfort Verderben. So gesehen ist es eine Meisterleistung, dass es die Konzertreihe überhaupt schon ein Vierteljahrhundert am schwer umkämpften Berliner Markt gibt.

An mangelnder Qualität kann es jedenfalls nicht liegen und an spannungsarmen Konzertprogrammen auch nicht. Denn was Geiger Boris Brovtsyn und sein Pianist Nelson Goerner erarbeitet haben, fordert heraus und zieht in den Bann. Schubert, Prokofjew, Suk und Strauss steuern Werke bei, die man nur selten auf dem Podium und in den immer ähnlicher programmierten Star-CDs findet. Warum ist ein so exzellenter Geiger wie der 36-jährige Russe ein Geheimtipp?

Brovtsyn agiert mit solcher Leichtigkeit, hat einen so starken Ton, schattiert in so reichlichen Nuancen, dass es das spärliche Publikum von den Sitzen reißt. Er lässt einen jener seltenen Momente leuchten, in denen auch der letzte Zuhörer begreift, dass gute Musik eben nicht heißt, schnell die Finger zu bewegen und dabei gut auszusehen. Es ist kaum erstaunlich, dass ihm Prokofjews erste Sonate am besten gelingt: das Fahle, Schneidende ebenso wie die stoische Energetik eines beängstigend maschinellen Brausens. Morgen ist er noch einmal um 20 Uhr im Kammermusiksaal zu erleben. Solche Musikalität ist einen Tipp wert.

Quelle: Tagesspiegel.de

 

Glücksfall: Das dreiteilige Konzert zum 90. Geburtsag Ursula Mamloks

Isabel Herzfeld über Spectrum Concerts im Tagesspiegel vom 02.02.2013

Der musikalische Brückenschlag, den die Spectrum Concerts Berlin immer wieder zwischen den USA und der deutschen Hauptstadt vornehmen, erhält im Falle Ursula Mamloks eine besondere Note: Mit 16 Jahren musste die Jüdin aus ihrer Geburtsstadt Berlin flüchten, gelangte über Ecuador nach New York, wo sie 64 Jahre verbrachte und eine beachtliche Karriere als Komponistin aufbaute. Heute lebt sie wieder in Schöneberg, unermüdlich mit dem Schaffen neuer Werke beschäftigt. Berlin wäre ihr, wie unlängst auf einschlägigen Veranstaltungen Inge Deutschkron oder Margot Friedländer, Aufmerksamkeit und Ehrung schuldig; dass Spectrum ihr ein dreiteiliges Konzert zum 90. Geburtstag ausrichtet, reflektiert einmal mehr kulturelle Un-)-Beweglichkeiten. Und ist zugleich, wie alles bei Spectrum, ein Glücksfall: Wo sonst fänden sich solch hinreißende Darbietungen angeblich so spröder neuer Musik! Ein weites Panorama des Mamlokschen Schaffens von 1962 bis 2001 entsteht, voll vielschichtiger Bezüge: Die aphoristisch geschärften Kristallsplitter, die Naomi Niskala im Klavierstück “2000 Notes“ in den Raum stellt, weiten sich in den Ensemblestücken „Confluences“ und „Rhapsody“ zum anregenden Abtausch weitgestreuter Klangpunkte, zarter melodischer Linien und plötzlich hereinbrechender Akkordballungen. Wie feingesponnen Mamlok das entwickelt, zeigt Lars Wouters van den Oudenweijer in „Polyphony No. 1“, in dem der Klarinettist weiche Haltetöne so weit in die Fantasie des Hörers verlängern kann, dass sie sich mit anschließenden Spaltklängen scheinbar polyphon verbinden. Hartmut Rohde entfaltet im Violastück „In my garden“ Facetten von Atmosphären, die sich sonst in Mamloks zweckfreien Tonspielen eher unbewusst ergeben.Gewollte Espression zeigt noch das 1. Streichquartett, vom jungen Armida-Quartett fesselnd geboten, das aus Leoš Janáčeks „Kreutzersonate“ ein aufwühlendes, enthusiastisch beklatschtes Ereignis macht. Riesenbeifall gilt auch dem abschließenden Oktett von Felix Mendelssohn, das alle beteiligten Streicher fulminant vereinigt – ein Gruß an die „zerstörte Vielfalt“ Berlins bereits im 19. Jahrhundert.

Quelle: Tagesspiegel.de

 

Konzert zum 90. Geburtstag von Ursula Mamlok

Clemens Goldberg über Spectrum Concerts im RBB Kulturradio vom 02.02.2013

Bewertung: großartig / *****

Welcher Verlust durch die Vertreibungen der Nazi-Zeit für Deutschland entstand, kann man sehr schön in Ursula Mamloks Musik zu ihrem 90. Geburtstag hören. Diese Musik, in Amerika entstanden, kehrt erst seit einigen Jahren nach Deutschland zurück. Feinsinnig, forschend, sehr oft an Wachstumsprozesse erinnernd, klangsinnlich – spannend und aufregend! Vor allem die Durchhörbarkeit und Verständlichkeit ohne geschmäcklerische oder nostalgische Kompromisse machen Mamlok geradezu aktuell. Eine Stunde war erst einmal ihr gewidmet, besonders schön fand ich die Polyphony für Klarinette solo, eigentlich ein Widerspruch, Vielstimmigkeit auf der Klarinette. Aber neben dem Überblasen entstehen auch Stimmen durch Artikulation, Echo, Erinnerung. Mit Vollendung und emotionalem Engagement wusste Lars Wouters van der Oudenweijer einmal mehr bei Specturm Concerts zu bezaubern. Dann Mamloks Streichquartett eingebettet in Janáček und Hugo Wolf. Das junge Armida Quartett, Gewinner des ARDMusikwettbewerbs, erwies sich als ganz große Quartetthoffnung. Technisch und intonatorisch so sicher wie alte Hasen, spielten sie Mamloks Quartett mit Überblick und Hingabe. Ganz unter die Haut ging auch Janáčeks von Tolstois Kreutzersonate Inspiriertes Quartett, in dem Musik zu Eifersucht und Mord führt. Hier zeigte sich auch die Spielfreude und musikalische Tiefe, die dieses Quartett jetzt schon aufweist. So ging die Musik dieser Grande Dame über auf die junge Generation, das gibt Hoffnung.

Quelle: Kulturradio.de

 

"Brücke nach Amerika: Spectrum Concerts im Kammermusiksaal"

Carsten Niemann über Spectrum Concerts im Tagesspiegel vom 24.01.2013

Kennen Sie zufällig eine Privatperson oder eine Firma, die in den den nächsten drei Jahren 75 000 Euro jährlich für eine ausgezeichnete musikalische Sache erübrigen könnte? Wenn ja, dann erinnern Sie sie doch bitte daran, dass die Spectrum Concerts diese Summe benötigen würden, um nicht nach ihrer jetzigen 25. Jubiläumssaison in der bisherigen Form beendet zu werden.

Warum das ein schmerzlicher Verlust wäre, hört man natürlich auch beim Jubiläumskonzert im Kammermusiksaal. Da ist zum einen das Programm, das eine intelligente Brücke von Europa nach Amerika schlägt: Von Brahms Streichsextett über das Sextett op. 37 seines Schützlings Ernst von Dohnányi, das Wiener Schmäh und karibische Rhythmen in völlig überraschender Weise kombiniert und in diesem Zug wiederum den „Kontrasten“ für Violine, Klarinette und Klavier ähnelt, die Benny Goodman bei Béla Bartók bestellte. Und da sind zum zweiten die Interpreten. Man scheut sich, einzelne Namen wie etwa die der aufstrebenden Violinisten Linus Roth und Alexander Sitkovetsky hervorzuheben, weil es da ja zum dritten auch noch den sich in jedem Konzert manifestierenden interpretenübergreifende Geist der Reihe gibt.

Es besteht, so unterschiedlich die Besetzungen auch zusammengewürfelt sind, in der absolute Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, die die Spieler untereinander hegen. Ob bei Brahms oder Bartók: Immer entsteht eine Verbindung von Innigkeit und Transparenz bei klarer Eigenständigkeit der Stimmen, die ein Vorbild für menschliche Kommunikation an sich ist. Es wäre ein Jammer, wenn sich Berlin das nicht mehr leisten könnte.

Quelle: Tagesspiegel.de

 

"Die Spectrum Concerts stehen vor dem Aus."

Isabel Herzfeld über Spectrum Concerts im Tagesspiegel vom 23.12.2012

Ach ja, das Geld! Es ist schuld daran, dass die Spectrum Concerts Berlin nach 25 glanzvollen, inspirierenden Jahren in ihre letzte Saison gehen müssen. Ohne halbwegs stabile Finanzierung, so der Gründer und künstlerische Leiter Frank Dodge, wird sich Berlins aufregendste Kammermusikreihe nicht weiterführen lassen. Am Geld liegt es auch, dass gleich das Eröffnungskonzert sein Programm ändern muss – den Herren Grubinger war das Honorar für die Schlagzeug-Mitwirkung in Viktor Deweriankos Kammermusikfassung von Schostakowtischs 15. Sinfonie nicht hoch genug. Doch es passt zu der mutigen Formation, dass das größte Pech sich in Glück wandeln kann: Staunend begegnet man jetzt dem Klaviertrio des 17-jährigen Schostakowitsch, von einer ersten großen Liebe inspiriert, dessen geigerische Höhenflüge Janine Jansen mit unnachahmlicher Sensibilität versieht, dessen schwärmerischen Cellokantilenen Torleif Thedéen elegischen Schmelz gibt.

Eldar Neblosin dagegen nimmt seine pianistische Virtuosität in kluge Balance zurück. Im Klavierquintett, das den Komponisten 17 Jahre später in einer verzweifelten Situation politischer Anfeindungen zeigt, kontrastiert der Pianist solche Zurückhaltung mit schonungslos gehämmerten Bassakkorden. Die Geigen mit dem herzhafter aufspielenden Boris Brovtsyn am ersten Pult steigern sich zu schmerzlichen Zuspitzungen, denen Maxim Rysanov warme, tröstliche Bratschentöne entgegensetzt – berührend der leise, fast im Nichts verwehende Ausklang des zwischen Trauer, Aufbegehren und Groteske changierenden Werkes.

Schostakowitsch erarbeitete sich mit diesem Werk neue Zukunftsperspektiven. Das Klarinettenquintett h-Moll, Abschiedswerk von Johannes Brahms, hätte als Konzertauftakt gegenüber der gewichtigen Schostakowitsch-Sinfonie gewiss anders gewirkt – so gerät der Ausklang fast zu wehmütig, zumal Martin Fröst sich mit zunächst etwas gepressten Klarinettentönen erst langsam gegenüber dem sensibel-leidenschaftlichen Streichquartett warmspielt.

Quelle: Tagesspiegel.de

 

"Ein beglückendes Konzert zur Eröffnung der Kammermusikreihe"

Clemens Goldberg über Spectrum Concerts im RBB Kulturradio vom 22.12.2012

Bewertung: großartig / *****

Einmal mehr konnte man Zeuge des besonderen kammermusikalischen Geistes werden, der sich bei den Spectrum Concerts seit 25 Jahren zeigt. Die Musiker sind hier mit Leib und Seele dabei, und sei es für ein eher kurioses Klaviertrio von Schostakowitsch, ein Werk des 17-jährigen Komponisten. Hier konnte man hören, wie sich seine Musik ohne politische Gefährdung anhört:nach Tschaikowski mit Einsprengseln zukünftiger Moderne, ganz unvermittelt nebeneinander. Unglaublich hautnah konnte einem dann das 1940 entstandene Klavierquintett gehen, besonders in der erst einmal fast erstarrt scheinenden Fuge, die erst langsam einen Weg zum Singen findet. Hier konnte man förmlich spüren, wie verängstigte Menschen sich durchs Leben tasten. Am Schluss stand scheinbar gelöstes tänzerisch-wiegendes Singen, das gleichwohl jederzeit gefährdet ist. Ganz anders dann Brahms' Klarinettenquintett. Ganz zart, am Boden mit dem Fuß nachzeichnend, ätherisch und schmelzend der Klang von Martin Fröst. So klingt Gelöstheit des Alters, formal unglaublich gekonnt, aber doch aus dem Ärmel geschüttelt. Wie selbst- und hochverständlich doch diese Musik mit den Stars von Spectrum Concerts klingt, die eben niemals ihr Starsein spüren lassen, sondern nur die Musik. Beglückend!

Quelle: Kulturradio.de

 

Klanggewitter: Spectrum Concerts im Kammermusiksaal

Carsten Niemann über Spectrum Concerts im Tagesspiegel vom 23.05.2012

"Pausensekt gefällig? Oh, nein danke, bloß nicht! Denn wie Janine Jansen, Boris Brovtsyn, Maxim Rysanov, Amihai Grosz, Torleif Thedéen und Jens Peter Maintz gerade eben die „Verklärte Nacht“ von Schönberg hingelegt haben, lässt den Schluss zu, dass auch ihre Darbietung von Schuberts C-Dur-Quintett eine Aufmerksamkeit von 0,0 Promille verdienen wird – berauscht ist man ohnehin. Dabei lagert über diesem Nachtstück durchaus nicht die spätromantische Schwüle, die gerne mit dem frühen Schönberg in Verbindung gebracht wird. Ohne Stück und Harmonie Gewalt anzutun, musizieren die sechs Streicher aus dem grandiosen Team der Spectrum Concerts das Frühwerk vielmehr als ein Stück des Abschieds und erfüllen den Kammermusiksaal mit einer gewittrigen Spannung, die es plausibel erscheinen lässt, dass Schönbergs nächster Schritt zur Atonalität führen würde.

Fast schockiert hört man dann bei Schubert die ersten Takte, in denen todesähnliche Ruhe, abgründige Dissonanzen und abgeklärte klassische Melodik in faszinierender Differenzierungskunst in wenigen Sekunden aufeinanderfolgen.

Kann man diese Intensität und Aufmerksamkeit fünfzig Minuten durchhalten, ohne manieriert zu werden oder die Form zu sprengen? Man kann: Wie ein reiches Leben, das aus unzähligen intensiven Momenten zusammengesetzt ist und doch als ein zusammenhängendes Ganzes erscheint, nimmt das Quintett seinen notwendigen Gang.

Wobei es nicht nur die Tragik dieses Abschiedswerks ist, sondern oft auch nur das Glücküber die in jedem Moment gleichberechtigte, achtsame, leidenschaftliche, tiefe Kommunikation der Musiker untereinander, die einem die Tränen in die Augenwinkel treibt."

Quelle: tagesspiegel.de/kultur

 

Philharmonie Berlin / Kammermusiksaal: Spectrum Concerts
Mit Janine Jansen, Violine

Clemens Goldberg (rbb kulturradio 27.06.11)

Auch dieses Mal war der spezielle Spectrum-Geist zu spüren: Alle Musiker kommunizierten mit größter Feinfühligkeit, Spielfreude, Leidenschaft und überlegenem Formbewusstsein untereinander und mit dem Publikum. Besonders spürbar war das beim komplizierten Korngold-Sextett. Es ist jugendstilig verwickelt, komplex und wuchernd. Trotzdem blieben die Haupt- und Seitenarme klar, ohne die Lust am spontanen Augenblick aufzugeben. Und wie sehr konnte man Wien erleben: dekadent, selbstmitleidig-sentimental, auftrumpfend- verzagt ... Das Gegenmodell: Das Duo Kontrabass/Geige von Isang Yun – von außen zwei unmöglich Liebende, und doch so innig, bei aller Verschiedenartigkeit immer wieder sich umfangend und suchend. Die Moderne spielt bei Spectrum eine wichtige, wenn auch immer gemäßigte Rolle. So auch beim Auftragswerk von Dobrika Tabakova. Die bulgarischen Wurzeln waren im reichen Obertonspektrum spürbar, das orientalische Singen auch, sehr eingängig ohne oberflächlich zu sein. Schließlich das mitreißendste Werk Mendelssohns, sein Oktett. Hier bin ich junger Mensch, kann schon alles, die Welt steht mir offen, kommt mit! Wellen der Lebenslust und -freude ergriffen das Publikum. Eben Spectrum!

 

Spielfreude: Janine Jansen bei den Spectrum Concerts
Carsten Niemann (DER TAGESSPIEGEL 28.06.11)

So, genau so wie beim diesjährigen Saisonabschluss der Spectrum Concerts sollte Kammermusik sein. Wenn eine Geigerin von der Klasse einer Janine Jansen mit ihrer Stradivari mal am ersten und mal am zweiten Geigenpult Platz nimmt, weil jede Stimme gleich wichtig ist. Wenn eine Auftragskomposition wie Dobrinka Tabakovas Streichseptett „Such Different Paths“ von den Spielern so angenommen wird, dass sie das Stück zum zweiten Mal in der gleichen Konzertreihe spielen. Wenn nach dem Schlusston eine gespannte Stille im Kammermusiksaal entsteht – aus Scheu, die intensive Stimmung zu zerstören, die unmerklich aus sehr simplen, ja eigentlich banalen, kreisenden modalen Formeln entstanden ist. Wenn der Geiger Alexander Sitkovetzky und der Kontrabassist Stacey Watton in Isang Yuns Duo „Together“ ihre Klangfarben so aufeinander einstellen, dass sich Bassklänge aus rauchigen Jazzkellern und noch tieferen Erdschichten völlig zwanglos mit höchstem Flageolett verbinden. Wenn Felix Mendelssohns Oktett und Wolfgang Korngolds Streichsextett weder nach aufgeblasenem Quartett noch nach reduziertem Streichorchester klingen, sondern bis in jede Einzelstimme hinein eine flexibel changierende Sonorität entwickeln. Wenn dabei das unbekanntere Werk durch ein hochintelligentes Spiel mit Walzerzitaten frappiert, und der bekanntere Mendelssohn mit Anklängen an Schauerromantik überrascht. Wenn bei allen Musikern die Spielfreude aus den Augen blitzt. Weil hier keine „Interpretation“ zu Markte getragen wird, sondern grandiose Musiker ihre Neugier auf die Werke und aufeinander mit der Öffentlichkeit teilen.

 

Brahmsisch: die Spectrum Concerts im Kammermusiksaal
Isabel Herzfeld (DER TAGESSPIEGEL 27.04.11)

Johannes Brahms’ Klavierquintett op. 34 ist der kompositorische Höhepunkt im
Ostermontagsprogramm der Spectrum Concerts Berlin – und zugleich das schwierigste Stück des Abends. Denn bevor es in dieser Gestalt Gnade vor den Augen des skrupulösen Meisters fand, hatte es mehrere Metamorphosen als Sonate für zwei Klaviere, als Klavierkonzert und als Symphonie durchlaufen. Entsprechend heikel ist die Balance zwischen Streichern und Klavier. Pianistin Katya Aspekisheva wahrt sie vorbildlich, mit energischem Zugriff in leidenschaftlich aufbrausenden Arpeggien, mit einem klaren Bassfundament und umgekehrt zartester Zurücknahme, wenn den Streichern das thematische Geschehen anvertraut ist. Die nähern sich Brahms mit kontrollierter Emphase, die sie bei aller orchestralen Klangfülle doch weniger individuell hervortreten lässt. Hartmut Rohde setzt hellstimmige Bratschenakzente, Frank Dodge am Cello sorgt für sonore Übergänge.

Brahms gibt auch noch den Grundton für Ernst Tochs frühe Violinsonate von 1913 vor. Annette von Hehn erfüllt sie mit silbrigem Charme und transparenter Leichtigkeit. Noch brahmsischer geht es in Alexander Zemlinskys Trio für Klarinette, Violincello und Klavier von 1895 zu. Der unvergleichliche Lars Wouters van den Oudenweijer gibt ihr genau das melancholisch-pastorale Flair leicht ungarisch gefärbter Melodik, das sich mit Dodges schlanken Cello-Linien delikat verbindet. Befreiend, wie sich das Trio für Klarinette, Violine und Klavier von Aram Khachaturian diesem ganzen Romantik-Zauber entringt. 1930 wagt der armenische Komponist eine Symbiose von Jazz und Folklore, eine Art Bartók-Gershwin-Mischung, die sich mit Oudenweijers Beweglichkeit und der eindringlichen Tongebung des Geigers Boris Brovtsyn ebenso meditativ wie in rasanten Rhythmen ausspricht.

 

Brahms, der Allgegenwärtige: Spectrum concerts im Kammermusiksaal
Martin Wilkening (BERLINER ZEITUNG 27.04.11)

Gäbe es nicht das Klarinettentrio von Johannes Brahms, dann müsste man sagen, Alexander Zemlinsky habe in seinem Werk für dieselbe Besetzung ein Wunder vollbracht. Aber hätte der junge Zemlinsky sein Trio 1895 überhaupt geschrieben, wenn nicht der bereits weltentrückte Brahms ihm vier Jahre zuvor den Weg gewiesen hätte? Es ist das ewige Dilemma jenes Komponisten, der mit einer atmosphärischen Empfänglichkeit wie kaum jemand seiner Zeit ausgestattet war, dass immer andere ihre Schatten auf seine Musik werfen, sei es Mahler, Berg, Schönberg oder eben Brahms.

Gut möglich, dass wirklich keiner der Zuhörer im Kammermusiksaal Zemlinskys opus 3 je zuvor gehört hat, ein Stück von leidenschaftlich düsterem Charakter, das mit der Klarinette oft noch interessanter als Brahms umgeht, etwa in Passagen, wo ihre Stimme unter die des Cellos gelegt wird. Die romantische Beschwörung eines zigeunerisch freien Urgrunds dieser Musik entsteht nicht erst in den Cymbal-Imitationen des Andante, sondern ist allgegenwärtig. Der Klarinettist Lars Wouters van den Oudenweijer betört mit zartesten Tönen und fein gesponnenen, scheinbar unendlichen Legato-Linien. Merkwürdig ist allerdings der Wechsel zwischen B-und A-Klarinette zum letzten Satz, der eine unschöne Klangverschiebung mit sich bringt. Ansonsten lassen Oudenweijer und die Pianistin Katya Apekisheva sowie Frank Dodge am Cello in ihrer emphatischen Interpretation keinen Zweifel daran, mit welch besonderer Musik wir es hier zu tun haben.

Bevor in der zweiten Konzerthälfte die rhythmische Energie von Brahms' Klavierquintett f-Moll das stilistische Gravitationszentrum dieses Programms kenntlich machte, zeigte die Violinsonate, die Ernst Toch 1912 schrieb, wie lange, zumindest in der Kammermusik, der Einfluss jenes Komponisten währte. Annette von Hehn spielte sie mit leuchtendem, wenn auch etwas gleichförmigem Ton. Eine Gegenwelt zu all dieser Ausdrucksschwere bildete die Gewitztheit, mit der Aram Khachaturians Trio für Klarinette, Geige und Klavier, 1932, zwischen urbaner Klangcollage und herbem Folklorismus pendelt. Vom Tonfall her eine schwere Aufgabe für die Interpreten. So exzentrisch, raffiniert, zugleich geschmackvoll, wie der Geiger Boris Brovtsyn seine Mitspieler inspirierend führte, lässt sich schwerlich eine überzeugendere Lesart vorstellen.

 

Violinabend: Janine Jansen und Itamar Golan im Kammermusiksaal
der Philharmonie

Martin Wilkening (BERLINER ZEITUNG 08.10.10)

Wer die Geigerin Janine Jansen nur von den ausgedehnten Fotostrecken her kennt, die ihre CD’s zieren, hat überhaupt keine Vorstellung davon, wie sie im Konzertsaal als Musikerin erscheint. Nicht, dass sie etwa gegen das Image des coolen Vamps extra ankämpfen müsste, auf das sie die Marktstrategen seit gut einem Jahrzehnt festgelegt haben, als plötzlich überall die hübschesten Geigenwunderfräuleins auftauchten. An der Natürlichkeit, die ihr auf der Bühne trotz ihrer hochgewachsenen Gestalt fast etwas Unauffälliges verleiht, prallen diese Bilder wie von selbst ab. Der Beifall scheint sie eher verlegen zu machen, das Spiel mit dem Publikum ist überhaupt nicht ihr Ding. Darin trifft sie sich auf fast rührende Weise mit den verhaltenen Reaktionen ihres Klavierpartners Itamar Golan, der sich wie sie eigentlich nur am Instrument selbst vor den vielen Menschen wirklich wohlzufühlen scheint. Und das ist die andere, substantielle Seite ihres gemeinsamen Auftritts, den weder die Show noch der inszenierte Verzicht auf diese prägt, sondern ein auf wundersame, fast vergessene Weise an der Sache, der Musik orientiertes Spiel. Besucher der spectrum concerts, bei denen Jansen und Golan jetzt auch, aber nicht ausschließlich, Stücke aus ihrer neuen CD vorstellten, wissen dies übrigens schon lange, denn hier trat die inzwischen zum Weltstar gewordene Geigerin schon im Teenageralter als Kammermusikerin auf.

Die Sonaten von Debussy und Ravel sowie Olivier Messiaens nur im Titel unscheinbares „Thema und Variationen“ bilden auch den Kern der gerade erschienenen Platte mit ausschließlich französischem Repertoire, im Konzert noch durch die mit vier Sätzen ebenso ausladende wie ziemlich flache A-Dur-Sonate von Schubert ergänzt. Das unterhaltsam gemeinte, redselige und mit eher banalen harmonischen Effekten um Aufmerksamkeit heischende Stück kann im Konzertsaal unendlich langweilen. Aber Jansen und Golan können es sich leisten, den ersten Satz sogar mit Wiederholung der Exposition zu spielen, ohne dass man das baldige Ende herbeisehnt. Das Zusammenspiel ist von packender Genauigkeit, die Phrasierung leicht und rhythmisch federnd, im Klavier von beeindruckend sparsamem Pedalgebrauch, und manch Abgründiges späterer Werke kündigt sich auch hier schon an. Es bleibt aber bei der Ankündigung, und die Aufführung gewinnt ihre Überzeugungskraft gerade daraus, dass nichts überstrapaziert wird. Auch bei den hübschen, aber sehr konventionellen Melodien lässt Janine Jansen noch etwas Zurückhaltendes, Scheues spüren, dem Ausdruck wird nichts aufgedrängt, was die Komposition als Ganze doch nicht einlösen könnte.

Raffiniert dagegen dann die französischen Kompositionen. Aber auch hier sind es weniger die effektvollen Farbwechsel sondern vor allem Stilsicherheit und Geschmack, die beeindrucken. Debussys irrlichternde Sonate mit ihrer Vielfalt gerade angedeuteter Gestalten erscheint wie aus einem Guss, ohne dass Einzelnes darin verloren ginge. Jansen und Golan finden für das ganze Stück den präzisen Grundton einer glühenden aber verinnerlichten Intensität, der auch weiterwirkt, wo die Musik sich kapriziöser, virtuoser gibt. Und in Ravels Sonate, deren lasziver Grundgestus namentlich im langsamen Satz, dem Blues, die Geiger zu furchtbar peinigendem Gezicke verführen kann, glänzte Janine Jansen durch Klarheit, Strenge, Zurückhaltung und, wo es sein soll, auch Innigkeit des Tons. Berauschend das Zusammenspiel in der großen Steigerung des Schlußsatzes, ebenso wie in Messiaens Variationen. Diese nehmen 1930 schon den Ton seines „Quartetts für das Ende der Zeit“ vorweg, und münden in eine ausgedehnte Passage transzendenter Entrückung, deren minimale Mittel, wiederholt angeschlagene Akkorde, lang ausgehaltene Melodietöne in allerhöchster Lage, bei Jansen und Golan ein Maximum musikalischer Welterfahrung entfalten konnten.

 

Geigenbruch
Auftakt: Spectrum Concerts im Kammermusiksaal

Carsten Niemann (DER TAGESSPIEGEL 25.10.10)

Anderswo mag das Publikum den Herbst mit fröhlichem Husten begrüßen: Beim Saisonstart der exquisiten Spectrum Concerts im Kammermusiksaal ist die Stille vor dem ersten Ton vollkommen. Und damit nicht genug der kultivierten Unterstützung: Als in Schostakowitschs Klavierquintett unter dem herrlich energetischen Spiel von Boris Brovtsyn der Geigensteg krachend zusammenbricht, findet sich sofort ein Kollege, der ihm vertrauensvoll sein eigenes Instrument überlässt. Der Intensität und Präzision des Zusammenspiels tut die Umstellung keinen Abbruch – im Gegenteil. Zu den stärksten Momenten gehören die verletzlichen reinen Streicherpassagen in der Fuge und ein wie aus dem Moment erfundenes Zwiegespräch des Primarius mit dem intensiv und innerlich befreit musizierenden Bratscher Amihai Grosz.

Die atemlos gespannten Erwartungen erfüllt auch der 1976 geborene russische Pianist Jacob Katsnelson, der die erste Konzerthälfte solistisch bestreitet. Die in vielen fahlen Farben geisterhaft nachhallenden Akkorde des „Todes“ aus Janaceks Klaviersonate von 1905 hinterlassen einen starken Eindruck; ebenso Katsnelsons Auswahl aus Chopins Nocturnes und Mazurken. Seine Interpretation zeichnet sich durch große Kultiviertheit, beseelten Ernst, einen genauen Blick für musikalische Architektur sowie für die motivischen Qualitäten von Chopins Passagenwerk aus. Nur bei der g-moll-Ballade merkt man dem Spiel des fast überkonzentriert und leicht ballettmeisterhaft auftretenden Künstlers auch Anspannung an. Aber soll denn nur eine alte Geige Nerven zeigen dürfen?.

 

Erfrischend emotionsfrei
Spectrum Concerts porträtiert den Komponisten Robert Helps

Matthias Nöther (BERLINER ZEITUNG 20.06.10)

Eins ist klar: In moderner Musik ist es nicht primär die Nähe zur traditionellen Tonalität, sondern die Nähe zu direkten Emotionen und subjektiven Selbstbespiegelungen, die heute das Publikum zu langweilen angetan sind. Im Werk des US-amerikanischen Komponisten Robert Helps (1928-2001) kann man hören, wie es trotz gemäßigt moderner Musiksprache möglich ist, weltläufig und überzeitlich zu erscheinen, weil Emotion nie plump und ungefiltert in die musikalische Textur eindringt.

Im Kammermusiksaal widmete die Reihe Spectrum Concerts dem Komponisten Helps ein ganzes Konzert, außerdem wird dieser Tage vom Deutschlandradio und dem Label Naxos eine Helps-CD produziert. In den Stücken, gespannt über einen Entstehungszeitraum von mehr als 30 Jahren bis 1997, war das "Amerikanische" dieser Musik deutlich und erfrischend auszumachen: Das musikalische Material ist nicht originell, auch seine motivische Entwicklung nicht - und doch bewegt sich alles jenseits der verfestigten abendländischen Assoziationsmuster, namentlich jenseits von "the German 'ausdrucksvoll'", wie Igor Strawinski es einst bespottete.

Helps studierte bei Strawinskis neusachlicher Genossin Nadia Boulanger in Paris, und es ist bereits in seinem "Postlude"-Trio für Violine, Horn und Klavier von 1964 eine Tendenz zur "reinen" Musik wahrzunehmen, wie sie in den 1920er- Jahren mit der Gruppe "Les six" um Strawinski und Boulanger ihren Anfang nahm: Die Instrumente werden nie stärker mit Ideen behaftet als sie es ihrer Anatomie nach leisten können. Niemand muss umgekehrt in die Röhre tuten, und dennoch wirken die Gestalten niemals klischeehaft oder abgegriffen.

Vielleicht ist dies der Punkt, an dem diese Musik so gut mit dem Grundgedanken von Spectrum Concerts zusammentrifft. Die Werke verlieren auf angenehme Art den in der Hochkultur stets prädizierten "Ewigkeitswert", sind nicht mehr als der augenblickhaft tönende Zustand, in den sie von den exzellenten Musikern versetzt werden. Die leisten namentlich in der Kontrolle der Klangbalance Erstaunliches. Besonders die Pianistin Naomi Niskala beeindruckt durch die ganz ohne technische Verluste ausgeführten, extremen Veränderungen der Lautstärke in Helps' oft nüchtern über viele Takte gleichbleibend kreisenden Klangflächen. Auch das Sextett von John Ireland aus dem Jahr 1898 nach der Pause macht auf eine sehr eigenständige amerikanische Musiktradition aufmerksam, die sich schon lange vor Robert Helps musikalisch sachbezogen jenseits der ermüdenden europäischen Diskussion um reine Emotion oder reine Form bewegte.

 

Lust auf mehr: Janine Jansen bei Spectrum Concerts
Isabell Herzfeld (DER TAGESSSPIEGEL 05.01.10)

Das neue Jahr beginnt voll guter Vorsätze. Doch es gibt Dinge, die soll man nicht ändern. Dazu gehört Spectrum Concerts Berlin, die exquisite, immer wieder durch neue Ideen verjüngte Kammermusikreihe. Und sei es auch nur eine wie die zu diesem hinreißenden Geburtstagsprogramm für Frank Dodge, der dieses Kulturunternehmen vor 22 Jahren erfand und seitdem künstlerisch leitet, mit Stücken voller Energie zugleich das ideale Neujahrskonzert. Janine Jansen, bei „Spectrum” zu ihrer spektakulären Karriere herangereift, übt sich in Schumanns Es-Dur-Klavierquartett in klanglicher Zurücknahme, die dennoch in rasanten Tempi und rhythmischer Pointierung unaufhaltsam vorantreibt. Katya Apekisheva am Klavier steuert Schumanns Fluchtwegen das vitale Fundament bei, Maxym Rysanov und Torleif Thedéen sorgen im Andante cantabile für seelenvolle Bratschen- und Cellotöne. Überboten wird solche Bravour der Sensibilität noch in Dvoraks Streichquintett G-Dur: allein wie Kontrabass (Stanley Watton) und Cello (Jens Peter Maintz) den geheimnisvollen Anfang grundieren, ist ein atemberaubendes Klangerlebnis. Boris Brovtsyn führt mit leuchtenden, gleichwohl unsentimental nuancierten Geigentönen ein Ensemble an, dessen Homogenität und Spielfreude immer neue Glücksmomente hervorruft, an Kommunikation untereinander und mit dem Publikum seinesgleichen sucht. Großer Jubel beim „Happy Birthday”- Medley des Arrangeur-Tausendsassas Aleksey Igudesman, einer köstlichen Parodie von Schnittke bis Piazzolla. Das sollte Dodge Lust auf die nächsten 60 Jahre machen!

 

Bloß keine Stars
Spectrum Concerts feiert seinen Gründer und hält seinen Standard

Matthias Nöther (BERLINER ZEITUNG 05.01.10)

Immer wieder überzeugt die deutsch-amerikanische Kammermusikreihe Spectrum Concerts mit einer Haltung zur Musik, die man "konservativ" nennen könnte, die aber besser als "eisern und unbeirrbar" bezeichnet werden sollte: Unbeirrbar ist der Wille, Komponisten, die scheinbar sattsam bekannt sind, durch ihre Kammermusik tatsächlich in allen ihren Facetten bekannt zu machen. Eisern ist der Verzicht des Spectrum-Gründers Frank Dodge auf ein personalisiertes Marketing, obwohl er regelmäßig Interpreten wie Julia-Maria Kretz (sonst Artemis- Quartett), Hartmut Rohde (sonst Bratscher des Mozart Piano Quartets) oder Janine Jansen (sonst Stargeigerin mit Decca-Vertrag) präsentiert. Eher noch müsste der nun sechzigjährige Dodge sich der Versuche seiner Musiker erwehren, ihn selbst, wie beim Konzert vorgestern im Kammermusiksaal, feierlich aufs Podest zu heben.

Die Gestik der Stargeigerin

Doch erst auf der Grundlage des Verzichts auf positive Vorurteile gegenüber den Interpreten ist es für die Hörer möglich, sich ein Urteil über interpretatorische Fragen zu bilden. In Bezug auf Janine Jansen dürfte dieses Urteil gemischt sein. Beeindruckend ist sicherlich der silbrig-zarte Geigenton, der jedoch so gar nicht zu der von Jansen gestisch behaupteten Expressivität passen will. Die weltumspannende Attitüde von Robert Schumanns Klavierquartett op. 47, ein im Beethovenschen Sinne pathetisches Werk, wurde denn auch von Jansen, eher darstellerisch vorweggenommen als musikalisch umgesetzt.

Anders als das Quartett um Jansen, das eher durch sein Spiel im Satz überzeugte, konnten Kretz, Rohde, der brillant und mit mühelos großem Ton spielende Primgeiger Boris Brovtsyn, der schlank tönende Cellist Jens Peter Maintz und der Kontrabassist Stacey Watton im Streichquintett von Antonín Dvorak op. 77 ihre jeweiligen Klangindividualitäten fein herausmeißeln. Das gleiche galt für die holzschnittartigen "Kontraste" für Klarinette, Violine und Klavier von Béla Bartók, in denen der Klarinettist Lars Wouters van den Oudenweijer in Bezug auf dynamische Flexibilität, Weichheit und Klangschönheit in allen Registern nichts zu wünschen übrig ließ.

Überzeugend gelang auch die Umsetzung des Anliegens von Frank Dodge, die Musik des 2001 verstorbenen US-Komponisten Robert Helps wiederzuerinnern. In einer an Ravels und Saties Klaviermusik erinnernden Mischung aus Kargheit und Sinnlichkeit spielte die Pianistin Katya Apekisheva die konsequent zweistimmigen Klavierstücke "In Retrospect" von 1977. Das Helps-Projekt wird im Juni 2010 in Zusammenarbeit mit dem Deutschlandradio und dem CD-Label Naxos fortgesetzt.

 

Kammermusiksaal: Spectrum Concerts Berlin
Werke von Bartók, Dvořák, Helps und Schumann

Clemens Goldberg (rbb Kulturradio 03.01.10)

Der Team Spirit bei den Spectrum Concerts wirkt immer noch! Alle zehn Musiker des Abends freuten sich merklich auf ihre Musik, man hatte sich nicht nur so eben mal zusammengesetzt, sondern hörbar an den Werken gearbeitet, alles saß auf den Punkt genau. Besonders hörbar und beglückend bei Dvořáks Streichquintett mit dem auffällig gut gelaunten Kontrabass. Das hakelige, nicht sehr dankbare Werk wurde mit höchster Präsenz und viel Feingefühl präsentiert, auf einem Atem musiziert: ein seltenes Kammermusikglück! Dieses Niveau wurde zwar nicht mehr ganz erreicht, doch blieben die Leistungen allesamt ungewöhnlich inspiriert. Sehr reizvoll die Kontraste in Bartoks Trio, zwischen Jazz und ungarischer Improvisando-Kultur serviert. Die Musiker in Schumanns Klavierquartett brauchten etwas länger, bis sie sich ganz fanden, bei aller Hingabe gehört auch noch ein Quantum Glück zum Zwanglosen. Etwas rätselhaft, warum Spectrum Concerts sich so in der Gegenwartsmusik auf den freundlich rückwärts gewandten Robert Helps konzentriert. Ab und zu mal etwas Gewagteres würde dem Kapitel Gegenwart sehr gut tun!

 

Kammermusiksaal: Spectrum Concerts Berlin
Mit Maxim Rysanov (Viola) und Jacob Katsnelson (Klavier)

Clemens Goldberg (rbb Kulturradio 21.10.09)

Ein Sonatenabend mit Viola und Klavier ist immer noch eine große Rarität, die durch die verdienstvolle Reihe Spectrum Concerts ermöglicht wurde. In einem gelungen zusammengestellten Programm konnte man das sensible und spannende Zusammenspiel von Rysanov und Katsnelson bewundern, ein einmalig schönes Instrument und eine große Vielseitigkeit seiner Möglichkeiten. In Bachs Gambensonate GDur konnte man jede Stimme genau verfolgen, auch die große Gefühlstiefe in einem geradezu zerbrechlichen langsamen Satz. Schumanns Fantasiestücke, eigentlich für Klarinette komponiert, waren in ihrem Fantasiecharakter ausgereizt, aber im Klavier nicht ganz so klar und durchsichtig wie erwünscht. Opernhaft ging es in der Bearbeitung von Abschied und Julias Tod zu, hier öffnete sich der Raum und kein Instrument hätte Julia schöner sterben lassen können als eine Viola! Keine Avantgarde, dafür sehr gekonnt und unterhaltsam komponiert ist Dobrinka Tabakovas Suite im Jazz Stil, die beiden Spielern Gelegenheit zu ausgelassener Virtuosität gab. Auch hier fiel auf, wie lässig und doch genau sich beide Musiker verstanden. Der Höhepunkt des Abends war sicherlich das letzte Werk Schostakowitschs, seine Viola-Sonate. Durch eisige Wüsten und Bruchstücke einer Komponistenlaufbahn tasteten sich die Musiker voran. Ein bissig sinnentleerter Aufmarsch leitet in das große Schluss- Adagio, das sich vor allem an Beethovens Mondschein-Sonate inspiriert. Ein auskomponiertes Sterben, hautnah und berührend musiziert. Große Stille am Schluss, mehr als Beifall.

 

Wehmut und Aufbegehren:
Maxim Rysanov in der Philharmonie

Isabel Herzfeld (DER TAGESSSPIEGEL 22.106.09)

Hoffnungszeichen will Spectrum Concerts Berlin in der Krise setzen, für sich selbst und das Publikum. Ermutigend schon, wie Maxim Rysanov trotz einer schweren Grippe sein Duo- Programm im Kammermusiksaal bewältigt. Neben dem Bratscher, der sich im Laufe des Abends zu eindringlicher Leuchtkraft steigert, ist auch sein Klavierpartner Jacob Katsnelson ein Hoffnungsträger: Mit sensibler Unterstützung setzt der 33-jährige Russe eigenständige Akzente. Höhepunkt der Verschmelzung die „Fantasiestücke” von Robert Schumann, die Rysanov ahnungsvoll raunend anheben lässt und zur Euphorie steigert. Der Sehnsuchtston ist getroffen, wenn Katsnelson den schwärmerisch rauschenden Arpeggien klangvolle Bässe und sprechende Rubati hinzufügt. Auch eine Bach-Sonate in g-Moll (ursprünglich für Gambe) erklingt, drängend leidenschaftlich und dennoch transparent im Allegro-Fugato. So entrückt versunken, wie Rysanov das Adagio gestaltet, entfaltet auch die Schlussszene aus Prokofjews „Romeo und Julia“ magische Wirkung. Und doch ist das alles nur ein Vorgeschmack auf Dmitri Schostakowitschs ungeheuerliche Bratschensonate – ein Abschiednehmen, voll von Wehmut, Zartheit, Wärme, Aufbegehren, letzten Atemzügen, das die beiden Musiker mit berührenden Nuancen erfüllen. Dass die „Jazz-Suite” der jungen Bulgarin Dobrinka Tabakova zuvor in folkloristischen Effekten befangen blieb, ist da schon vergessen – die aufregendsten Kammermusikprogramme macht eben immer noch Spectrum, selbst für die vernachlässigte Bratsche.

 

Hoch kultiviert: Spectrum Concerts im Kammermusiksaal
Ulrich Pollmann (DER TAGESSSPIEGEL 26.06.09)

Nun ist die erste Saison der dritten Dekade zu Ende: Vor 21 Jahren rief Frank Dodge die Spectrum Concerts ins Leben, unzählige Elogen sind seitdem über die Qualität dieser Kammerkonzertreihe geschrieben worden, ihre hochmotivierten Musiker, Repertoireentdeckungen und die Brückenfunktion, die dieser Institution durch ihr Auftreten in Amerika zukommt. Als Koalition der Kultivierten beschreibt Habakuk Traber die Spectrum Concerts in einem rührenden Brief an Dodge. Einen Wermutstropfen gibt es allerdings im gut gefüllten Kammersaal der Philharmonie: Schönbergs Streichtrio, selten zu hören, musste vom Programm genommen werden, eine Schnittverletzung von Janine Jansen ließ die notwendige Probenzeit nicht zu. Stattdessen beginnt Maxim Rysanov den Abend mit Bachs 5. Cellosuite in der Transkription für Viola. Mit leichtem, fast gambenhaftem Strich, mit äußerer Zurückhaltung und innerem Feuer gibt er dem Werk die Aura edler Gesanglichkeit. Danach Brahms: Das Ensemble gibt das frühe Streichsextett und das späte Streichquintett, zwei Werke, die das gesamte Spektrum vom Volksliedhaften bis zum Symphonischen fordern. Traumhaft vor allem, wie frei und doch präzise die Musiker die Tempi gestalten. Einfach, weil jeder von ihnen zum richtigen Zeitpunkt die Initiative zu übernehmen weiß. Das sehr spezielle, beinahe beängstigend konzentrierte Publikum dieser Reihe ist wie immer begeistert.

 

Gelebte Muße freier Geister
Krisenfest: Spectrum Concerts mit Hindemith und Brahms

Jan Brachmann (BERLINER ZEITUNG 11.03.09)

Vom russischen Fossilienforscher und Science-Fiction-Autor Iwan Jefremow stammt die Behauptung: "Die Männer tun alle nur so, als liebten sie trockene Weine, dünne Frauen und Kompositionen von Hindemith. In Wirklichkeit aber lieben sie süße Weine, dicke Frauen und Tschaikowsky". Lassen wir mal beiseite, ob diese Behauptung auf dem soliden Fundament empirischer Wissenschaft fußt oder doch nur - wie Iwan Turgenjew sagen würde - auf dem "schlüpfrigen Boden der Literatur". Und auch, was Tschaikowsky mit dicken Frauen zu tun haben soll, dürfte keiner seriösen Erörterung wert sein. Die Reihe Spectrum Concerts Berlin allerdings hat am Montag im Kammermusiksaal den Beweis erbracht, dass die Musik von Paul Hindemith durchaus auch jenem entgegenkommt, der es lieber süß und mollig mag. Und das macht weder die Musik dümmer noch den Liebhaber.

Zurück zu Brahms

Der Klarinettist Lars Wouters van den Oudenweijer begann den Abend, begleitet von der Pianistin Ya-Fei Chuang, mit Hindemiths Sonate B-Dur aus dem Jahr 1939, einem durch und durch freundlichen, weichen Stück, das einen umhüllt wie durchsonnter Nebel. Im Anfangssatz scheint das zweite Thema per Umkehrung aus dem ersten abgeleitet; eine schroff punktierte Kontrastfigur leitet die Durchführung ein: Das sind an Johannes Brahms erinnernde Verfahren, ebenso wie die Coda als beruhigte Wiederkehr des Anfangs - Dämpfen und Lösen, statt Kämpfen und Erlösen. Diese liebevolle Rückwendung zu Brahmsschen Dramaturgien hat etwas tief Berührendes, wenn man Hindemiths dürres Geklapper der Spielmusiken aus den frühen 1920er-Jahren kennt. Ähnlich wie Francis Poulenc in Frankreich, den nach dem Jux und Ulk der Künstlerclique Groupe des Six plötzlich die Melancholie über den Tod der Belle Époque ergriff, entdeckte Hindemith wohl beim Aufkommen des Faschismus, dass die seelenfreie Mechanik einer "Neuen Sachlichkeit" den neuen Machthabern geistig näher stand als die empfindsame Humanität der zwischenzeitlich so geschmähten Spätromantik.

Auch Hindemiths Klarinettenquartett von 1938 (die zwei schon genannten Musiker wurden hier verstärkt durch Annette von Hehn an der Violine und Frank Dodge am Violoncello) ist so ein Stück still und demütig gewordener Selbstkritik. Wie eine langsam sich einschwingende Allemande aus einer Suite von Bach beginnt der erste Satz, wobei das Thema imitatorisch alle Stimmen durchwandert. Satztechnisch in völligem Kontrast dazu arbeitet das helle zweite Thema mit Melodie und klopfender Begleitung - und doch spielt Hindemith in kluger Weise den Tausch der Satztechniken beider Themen durch, kombiniert sie sogar in Überlagerung, ohne dass die Musik hart und trocken wird wie holziger Kohlrabi.

Letzteres ließe sich vielleicht dem 1955 überarbeiteten Quintett für Klarinette und Streicher von 1923 vorwerfen, wobei die Begegnung mit dem Stück doch sehr erfrischend war: Denn im schnellen Ländler stellt Hindemith hier den Anschluss an jene rustikale Avantgarde her, die sich nach dem Ersten Weltkrieg in der Tschechoslowakei, in Ungarn und Polen bei Janacek, Kodaly und Szymanowski artikuliert hatte und für die es kaum ein deutsches Gegenstück gibt. Es war wieder ein sehr langer, aber auch sehr schöner Abend bei Spectrum Concerts. Schön, weil dabei Hören und Denken ebenso viel Nahrung wie Ruhe fanden. Hier wird ja Musik niemals abgefertigt von durchreisenden Ensembles. Hier wird alles in freundschaftlicher Vertrautheit freier Geister erarbeitet und meist nur einmalig vorgestellt. Das ist gelebte Muße und, nach der Ökonomie von Zeit und Geld betrachtet, ein ziemlicher Luxus.

Natürlich kämpft diese Reihe auch in ihrer 21. Saison ums Überleben, da sie auf staatliche Subventionen verzichtet und vom rein privaten Engagement lebt. Wer Spectrum Concerts Berlin durch Spenden oder ein Abonnement unterstützt, beschenkt sich selbst und diese Stadt oft mit selten gespielten Ensemblewerken wie etwa dem großartigen Streichsextett op. 36 von Johannes Brahms, das den Abend beschloss (wobei noch die Geigerin Elisabeth Glass, die Bratscher Hartmut Rohde und Ronald Carbone sowie die Cellistin Anna Carewe die übrigen Streicher ergänzten). Ich selbst habe das Stück zum letzten Mal in Berlin am 4. April 2001 gehört: bei Spectrum Concerts, damals so froh wie jetzt.

 

Adieu Europa
Isabel Herzfeld (DER TAGESSPIEGEL 11.03.09)

Eine ganze Konzerthälfte Hindemith im Kammermusiksaal, ist das nicht selbst für Kammermusikfreaks zu viel? Diese leicht spröde Moderne, der akademischer Gediegenheit den aufrührerischen Impetus ausgetrieben zu haben scheint? Nicht so bei den charismatischen Musikern von Spectrum Concerts Berlin. Der leuchtende, mit sanfter Melancholie behaftete Klarinettenton des Lars Wouters van den Oudenweijer gibt der kargen Sonate von 1939 bestechende Farbnuancen, ganz zu schweigen von der fabelhaften Leichtigkeit dieses Ausnahmeklarinettisten in komplexen polyphonen Strukturen. Die Pianistin Ya-Fei Chuang hält sie filigran und transparent – was auch dem Quartett von 1938 zugute kommt, bei dem Violine (Annette von Hehn) und Cello (Frank Dodge) ausdrucksvoll hinzutreten. Stärker als diese Abschiedswerke aus der Zeit vor der Emigration in die USA ist das 1955 vollendete Quintett für Klarinette von aggressivem Schwung und ironischen Pointen gepräg, ein Juwel von feurigem Schliff. Brahms’ Streichsextett G- Dur besänftigt nach der Pause, fast ein bisschen fade nach so viel mitreißender Energie. Doch wieder fasziniert die Feingliedrigkeit, ein Geben und Nehmen der Stimmen, das die Binnenstruktur lebendig machen und diskret zurücktreten lässt. Murmelnde Bratschenbewegungen, aus denen sich die Violinen silbrig erheben, um vom Cello kraftvoll beantwortet zu werden.

 

Wir werden immer größer
Ulrich Amling (DER TAGESSPIEGEL 06.12.08)

An die Stärke von Ideen glauben, Menschen gewinnen und gemeinsam wachsen – das ist ein rares Gut. In Zeiten, die eine Inflation des Wortes „Krise“ mit sich bringen, wird es zur Mangelware. Vielleicht ist deshalb der Kammermusiksaal so gefüllt wie selten bei einem Abend von Spectrum Concerts. Der exquisiten Berliner Kammermusikreihe von Frank S. Dodge gelingt es, den Kreis ihrer Unterstützer beharrlich zu erweitern. In der 21. Saison präsentieren Spectrum Concerts eine beeindruckende Solistenriege, die sich jung und weltgewandt, neugierig und unsentimental mit Klassikern und ausgewählten Zeitgenossen auseinandersetzt.

Es sind beherzte Damen, die das musikalische Geschehen vorantreiben, während die Herren sich auf den noblen Gestus zarter Antworten verlegen. Die Pianistin Katya Apekisheva raut den milden Alterston von Brahms‘ Sonate für Klavier und Viola immer wieder auf, lockt Maxim Rysanov heraus aus seiner Rückschau, zurück in die Taumel des Lebens. Die Führungskraft des Abends aber ist Janine Jansen. Ob sie ihre Kollegen durch die Strudel des Klavierquartetts von Richard Dubugnon treibt oder Schuberts „Tod und das Mädchen“ als abgründiges Klangpanorama auskostet: Diese Geigerin liebt die Herausforderung. Seit zehn Jahren spielt sie bei Spectrum Concerts – und das Wachsen hat kein Ende.

 

Was uns am Herzen liegt
Mahler, Schnittke und Schostakowitsch bei Spectrum Concerts

Peter Uehling (BERLINER ZEITUNG 19.06.08)

Am Sonnabend hat die Geigerin Janine Jansen ein umjubeltes Konzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie gegeben, am Dienstag spielte sie Kammermusik, und der Kammermusiksaal ist gerade zur Hälfte gefüllt. Das ist um so bedauerlicher, als die Reihe Spectrum Concerts, in der Jansen seit vielen Jahren und trotz ihres Solistenruhms noch immer auftritt, in Geldnot steckt. Obwohl die nächste Saison gesichert ist, muss der künstlerische Leiter der Reihe, Frank Dodge, 75 000 Euro auftreiben.

Berliner! Die Spectrum Concerts gehören zum Allerbesten, was es in dieser Stadt zu hören gibt! Abonniert und fördert, lasst sie nicht untergehen! Janine Jansen ist sicherlich das große Kapital der Reihe, aber nicht ihr einziger Sinn. Hier tun sich wunderbare Musiker aus Lust und Leidenschaft zusammen, um jene Stücke des Repertoires zu spielen, die uns allen am Herzen liegen, aber auch, um eine Musik des 20. Jahrhunderts zu erforschen, die man kaum kennt: Spectrum Concerts hat Aufnahmen von Ernö Dohnanyi, Robert Helps und John Harbison veröffentlicht und erwirbt sich jetzt Verdienste um Ernst Toch. Die Musiker bei Spectrum Concerts bilden kein festes Ensemble. Was man an technischer Abstimmung vermissen könnte, wird einem an solistischem Engagement reichlich zurückerstattet. Jansen gibt die stärksten Impulse, aber während es eine Zeit gab, in der ihr Überschwang die Strukturen zuweilen zu überschwemmen drohte, spielt sie nun nicht weniger ausdrucksvoll, aber die Formen erscheinen nachdrücklich modelliert.

Im Kopfsatz eines ansonsten verschollenen Klavierquartetts, das Gustav Mahler mit 16 Jahren schrieb, färbt sie den Übergang in die Reprise so eigentümlich ein, dass der folgenden Musik die Kraft aus den Gliedern zu weichen scheint. Aber das Aufgesparte bricht sich dann in einer Violin-Kadenz explodierend Bahn - und führt hinüber in Alfred Schnittkes klanglich und harmonisch furiose Neuinterpretation des Mahler'schen Materials. Die Streicher jaulen, und das Klavier donnert - und plötzlich, aber von Jansen immer wieder souverän vermittelt, wird es wieder still. Jansens Formgefühl wird von der Zurückhaltung ihrer Mitspieler - Julian Rachlin, Viola, Kristina Blaumane, Cello, und Mihaela Ursuleasa, Klavier - getragen und überhöht. Wenn es drauf ankommt, brechen auch sie aus der Deckung. Mihaela Ursuleasa etwa in Schnittkes Klavierquintett von 1976, das triste Walzer- und Trauermarsch-Gesten versammelt und auf ihre Sprachtauglichkeit prüft. Kristina Blaumanes Stunde schlägt, wenn sie sich in Schostakowitschs drittem Streichquartett mit Jansen motivische Schlagabtäusche liefert.

 

Zarte Angriffslust
Spectrum Concerts Berlin am 28.02.2008

Ulrich Amling (DER TAGESSPIEGL 01.03.08)

Bachs Schöpfungen leuchten in den Klassikbetrieb wie die Sonne und ein ferner Mond zugleich. Noch das kleinste Übungswerk birgt kosmische Dimensionen. Eine Fülle, die allzu irdische Zuhörer auch abschrecken kann. Auf dem CD-Markt boomen Bearbeitungen, die das polyphone Denken Bachs daher sicherheitshalber auf mehrere (Star-)Musiker verteilen. Der musikalische Gehalt wird dadurch nicht verwässert. Einzelne Stimmen bekommen ein Gesicht, und die abstrakte Interaktion der musikalischen Linien gerinnt im Ensemble-spiel zum Menschenbild. Finden sich gefeierte Solisten zu einem Spiel mit Bachs Polyphonie zusammen, dann hat das immer auch Bekenntnischarakter.

Janine Jansen braucht da nichts zu fürchten. Seit frühester Jugend ist die niederländische Geigerin eine begeisterte Kammermusikerin, den Berliner Spectrum Concerts ist sie seit zehn Jahren verbunden. Im Kammermusiksaal hat sie bei den für Tasten-instrumente komponierten zwei- und dreistimmigen Inventionen mit Maxim Rysanov (Bratsche) und Torleif Thedéen (Cello) zwei klang-findige Mitstreiter auf dem Podium versammelt. Hier wird nicht romantisch spekuliert (wie etwa bei Mischa Maiskys Goldberg-Trioversion) oder im Dienste historischer Korrektheit jedes Vibrato unterbunden. Fern der Klischees und mit zarter Angriffslust ent-decken sie den Zusammenklang im Eigenständigen. Auch auf den einsamen Höhen von Bachs zweiter Solopartita, mit ihrer schon gewalttätig reichen Ciaccona als Gipfel, wird es Janine Jansen nicht klamm. Ehrfurcht muss überhaupt nicht spröde sein.

 

Familienfest mit Janine Jansen
Die Reihe Spectrum Concerts feierte ihren 20. Geburtstag

Jan Brachmann (BERLINER ZEITUNG 24.01.08)

Man konnte es am Dienstag im Kammermusiksaal der Philharmonie wieder hören und auch sehen: Das Verhältnis all dieser jungen Spitzenmusiker zueinander ist bei Spectrum Concerts eines von innigster Verlässlichkeit und höchster kommunikativer Dichte. Blitzartig bildeten sich in der Septettfassung von Richard Strauss’ „Metamorphosen“ stets neue Verständigungsachsen über Gesten und Blicke aus: etwa zwischen dem Cellisten Jens Peter Maintz und der Geigerin Janine Jansen, dann wieder zwischen Jansen und dem Bratscher Maxim Rysanov, im nächsten Moment aber schon zwischen der Geigerin Julia-Maria Kretz und dem Cellisten Torleif Thedéen, der kurz darauf dann den Kontakt zu Hartmut Rohde an der Viola suchte. Allenfalls Stacey Watton am Kontrabass fing die Impulse seiner Kollegen allein mit den Ohren - und natürlich mit seinem Instrument - auf.

Strauss’ enge Verzahnung der Stimmen, der Prozess ständiger Verwandlung, der in dieser 1945 komponierten Elegie auf Deutschlands kulturellen Zusammenbruch auch Anlass zur Hoffnung gibt - dies alles nahm durch das sichtbare Engagement der Beteiligten fast den Charakter einer Choreografie an. Der Choreograf aber war die Partitur selbst, beflügelt von der Phantasie der Kleingruppe in ihrer Ganzheit.

Strauss’ „Metamorphosen“ bildeten die Mitte eines Abends, der mit dem Streichsextett op. 10 von Erich Wolfgang Korngold - einem fiebrigen Glückstraum von gefährdeter Schönheit - ausklang und mit der Uraufführung des Septetts „Such different paths“ der 26-jährigen Bulgarin Dobrinka Tabakova begonnen hatte. Tabakova, die viel für Gidon Kremer und dessen Ensembles schreibt, ist mit diesem Stück etwas gelungen: Sie führt den angloamerikanischen Minimalismus zusammen mit der osteuropäischen Moderne der Zwischenkriegszeit, die in der archaischen Folklore das Neue suchte. Janacek, Martinu und Szymanowski sind hier weitergedacht zu einem reizvollen, packenden Stück, das jenseits der Dilemmata "Neuer Musik" über Tonalität und Mehrstimmigkeit nachdenkt. Richard von Weizsäcker - Ehrenmitglied des Förderkreises Spectrum Concerts Berlin e. V. - wollte seine Begeisterung darüber gar nicht verbergen und gratulierte der jungen Komponistin lebhaft in der Pause.

Im Foyer wurde auch der jüngst vom RBB produzierte Film „Nächste Station Manhattan“ über die rein privat finanzierte Konzertreihe gezeigt, die inzwischen erfolgreich in den USA Fuß gefasst hat und genau an diesem Abend ihren 20. Geburtstag feierte. Der Gründer und Leiter Frank S. Dodge scharte Künstler und Publikum um sich wie eine glückliche Familie.

 

Nachdenken und aufbrechen
Isabel Herzfeld (DER TAGESSSPIEGEL 24.01.08)

Als glanzvolles Event inszeniert Spectrum Concerts Berlin die Feier seines 20-jährigen Bestehens im Kammermusiksaal: Sponsoren tummeln sich auf einem Empfang; prominente Gästen wie Ehrenmitglied Richard von Weizsäcker, Hermann Rudolph vom Medienpartner Tagesspiegel und der Komponist Stanley Walden werden gesichtet; in der Pause wird der RBB-Film „Nächste Station Manhattan“ gezeigt, der die ganze Wundergeschichte von der Herkulestat des Amerikaners in Berlin, Frank Dodge, noch einmal aufblättert. Und dann die Überraschung: ein Pro­gramm, bis in die Fingerspitzen mitteleuropäisch, als tief nachdenkliche Reflektion des Vergangenen, ohne die keine Zukunft ernsthaft zu haben ist.

Dass der 81-jährige Richard Strauss seine „Metamorphosen“ 1945 als Elegie auf zerstörte Kultur verstand, vollzieht das „Spectrum“-Ensemble mit bestürzend zarten Nuancen nach. Anders als in der Fassung für Streichorchester betont Rudolf Leopolds Bearbeitung für Septett die Fragilität des Streicherklangs, lässt die Motive auch auf verschlungensten Pfaden transparent bleiben bis zur Enthüllung des tragischen „Trauermarsch“-Zitats aus Beethovens „Eroica“.

Auch das Sextett des 17-jährigen Erich Wolfgang Korngold enthält, bei aller hinreißend musizierten Aufbruchstimmung, scharfe, ahnungsvolle Dissonanzen. Erinnerungsarbeit liegt hier im Aufspüren dieses genialen, ganz anders als Strauss von den Zeitläufen beeinträchtig­ten Komponisten. Auch das Septett „Such different paths“ der 27-jährigen Bulgarin Dobrinka Tabakova, als Auftragswerk uraufgeführt, wandelt auf Spuren der Vergangenheit: mit dissonant irisierenden Schichtungen folkloristisch anmutenden Materials, die sich immer mehr in harmonische Schönheit zurückziehen und zeigen, wie zerbrechlich und bewahrenswert sie ist.

 

Die Mädels mit der Violine
Isabel Herzfeld (DER TAGESSSPIEGEL 05.05.07)

Zum dritten Mal widmet sich das Ensemble Spectrum Concerts Berlin dem Schaffen Ernst Tochs: Im Kammermusiksaal entsteht ein fesselndes, facettenreiches Bild des Wiener Tonsetzers, der vor den Nazis ins US-Exil floh. Am stärksten prägt sich das Klavierquintett op. 64 ein – ein echter „Schinken“, 1938 am Strand von Malibu geschrieben, unmittelbar vor einer siebenjährigen Schaffenspause. Der Komponist verstummte in den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und persönlichem Leid. Doch noch wogt der Klang ozeanisch. Zugleich wird die spätromantisch eingefärbte Konvention immer wieder solistisch aufgesprengt, erheben die virtuose Violine der Annette von Hehn oder die klangvolle Viola Hartmut Rohdes einsam umherschweifende Stimmen. Von Hehn macht auch die mehr dem zwölftönigen Idiom angelehnte Violinsonate von 1928 zum fulminanten Ereignis; ihr Klavierpartner Daniel Blumenthal schlägt tänzerische Funken aus den frühen „Burlesken“. In diesem großartig komponierten Programm werfen Robert Schumanns „Fantasiestücke“ für Klavier und Klarinette sowie Paul Hindemiths Klarinettenquartett neue Lichter auf Toch, diesen „am gründlichsten vergessenen Komponisten des 20. Jahrhunderts“. Beiden Werken gibt Lars Wouters van den Oudenweijers Klarinetten den unverwechselbaren Klang. Bei Hindemith – 1938 wie das Toch’sche Quintett entstanden – überrascht mit weitschwingendem Melos. Schumann beglückt mit einem melancholischen Aufschwung, der die Tränen in die Augen treibt.

 

Gut, dass wir darüber geredet haben
Frederik Hanssen (DER TAGESSSPIEGEL 03.03.07)

Sie sind spät dran mit der Eröffnung ihrer Berliner Saison, die Künstler von Spectrum Concerts. Sie hatten nämlich noch in New York zu tun. Nach 19 erfolgreichen Jahren in der deutschen Hauptstadt wagte der Spectrum-Concerts-Gründer Frank Dodge den Sprung in die Staaten, mietete für zwei Abende die Carnegie Hall. First we take Berlin, then we take Manhattan. Grund genug für seine heimatliche Fangemeinde, stolz zu sein – und geduldig. Am Donnerstag nun traf im Kammermusiksaal Mozart auf Stanley Walden. Eine schmeichelhafte Konfrontation für den 1932 in Brooklyn geborenen, langjährigen HdK- Musicalprofessor und Komponisten, bei der er sich mit seinem Horntrio, den „Maquettes“ für zwei Klaviere sowie „Five Similes“ für Piano solo bewährte. Walden hat einen ansprechenden Personalstil entwickelt, den man vielleicht als Blue- Note-Moderne bezeichnen könnte. Sinnenfrohe, vollgriffige, virtuose Musik ist das, zumeist rhythmisch kraftvoll zupackend, dann wieder jazzig-impressionistisch. Ehrliche Seelenklänge für Interpreten mit weitem ästhetischen Horizont wie die Pianisten Robert Levin und Ya- Fei Chuang, die Geigerin Julia-Maria Kretz oder den Hornisten Bernhard Krug.

Janine Jansen und Maxim Rysanow zeigten zu Beginn mit Mozarts Duo für Violine und Viola, wie ideale Kommunikation zwischen gleichberechtigten Partnern funktioniert: Bei einem so sensibel wie sinnlich geführten Dialog ist man nur zu gerne Ohrenzeuge. Im Hornquintett KV 407 sorgte Jens Peter Maintz für ein angenehm markantes Cello-Fundament, im Klavierquartett KV 493 war es dann noch einmal der wunderbare Robert Levin mit seiner fein differenzierenden Anschlagstechnik, der die Fäden zusammenhielt.

 

Mut zu Brücke
SPECTRUM CONCERTS gibt es jetzt auch in New York

Isabel Herzfeld (DER TAGESSPIEGEL 21.11.06)

Irgendwann wird es auf der „Noodle-Party“ im New Yorker East Village, mit der die Musiker von „Spectrum-Concerts Berlin – USA“ ihr erfolgreiches Debut in der Carnegie Hall begießen, ganz still und ernst. Dann spielt Antoine Tamestit die Chaconne von Bach in einer Fassung für Viola, mit einer Klangglut und sprachkräftigen Rauheit, die alle gewohnte Violinvirtuosität in den Schatten stellt. Den Amerikanern, die die eher ungewohnte Sprache der Kammermusik überzeugen soll, bietet man in zwei Konzerten mindestens so anspruchsvolle Kost wie zu Hause in der deutschen Hauptstadt. Seit fast zwanzig Jahren führt hier ihr Gründer und spiritus rector, der aus Boston stammende Cellist Frank Dodge, Werke aus der Neuen Welt und dem guten alten Europa zu spannenden Dialogen zusammen. Die mutigen Programme und die außerordentliche Interpretationsqualität sichern „Spectrum“ wachsende Beliebtheit. So wird auch in der etwa 650 Zuhörer fassenden Zankel-Hall des traditionsreichen Musentempels nicht einfach „nur“ Musik gemacht. Dodge will eine Botschaft der gemeinsamen kulturellen Wurzeln überbringen, an ihren humanistischen Kern erinnern. „Trauerarbeit“ könnte das ganze Projekt überschrieben sein – wie die Ausstellung des amerikanischen Malers Alan Magee, die das Goethe-Institut New York in Zusammenarbeit mit der Freien Universität Berlin zeigt. Der Künstler glaubt, dass sie auch seinem Land gut anstehen würde. Und nach der Besichtigung von Ground Zero kurz zuvor berühren die leichenblassen Monotypien, die blicklosen Augen und zugenähten Münder besonders stark. Derzeit wird diskutiert, ob man die Bergungsarbeiten in der Trümmergrube jetzt schon einstellen, ein neues Wahrzeichen der Welthandelsmacht quasi über vergessenen Leichen errichten soll. Das „Nocturne for String Quartet“ des vor einigen Jahren verstorbenen Amerikaners Robert Helps wird so zur dicht gewebten Erinnerungsmusik, in der vor allem die Geigerinnen Janine Jansen und Julia Maria Kretz feinste Flageolets und Pizzikati wispern und flüstern lassen, Stimmen aus dem Nichts. Verlorenes beschwört auch Krysztof Pendereckis Klarinettenquartett von 1993 allein schon durch eine gewisse „Klezmer“-Melodik des Blasinstruments – wie Johannes Brahms in seinem op. 115 vollends die Abschiedswehmut einem „ungarisch“ gefärbten Idiom anvertraut.

Was sich im „Goethe“-Vorkonzert in feinsten Schwingungen entfalten kann, stößt zwei Tage später auf die harte Realität. Kurz vor Konzertbeginn möchte sich der Klarinettist Lars Wouters van den Oudenweijer mit ein paar Tönen auf die – fraglos bessere – Akustik des Zankel-Saals einstimmen. Verboten: Die Bühnengewerkschaft sieht solche Absonderlichkeiten nicht vor. Auch dass nach dem Brahms-Quintett noch Sextett gespielt wird – nämlich Schönbergs „Verklärte Nacht“ – stößt auf achselzuckendes Befremden: „Die Stühle müssen den ganzen Abend so stehen bleiben“. Ist man hierzulande eher froh, wenn die Musiker einmal selbst Hand anlegen, so lässt das die amerikanische Professionalität nicht zu. Es sei denn gegen cash: ganze 1200 Dollar mehr muss Dodge für die Bewegung von zwei Stühlen und drei Notenpulten hinblättern. Ob Kommerz- oder übertriebenes Sicherheitsdenken – backstage ereignet sich eine unendliche, unerfreuliche Geschichte. Ob Dodge auf die Bühne geschubst werden soll, bevor er sich noch auf seine Begrüßungsworte konzentrieren konnte oder bestimmt wird, wer wann zum Applaus erscheinen darf: alles ist hier strengstens geregelt. „Ich werde nie wieder auf die deutsche Bürokratie schimpfen“, stöhnt der schon seit zwei Monaten gegen New Yorker Fallstricke kämpfende Ensemble-Leiter, „Deutschland erscheint mir jetzt als das freieste Land der Welt.“

Natürlich steht auch ein Konzertbesuch in New York im Zeichen des 11. September: Disziplin ist oberstes Gebot, Flexibilität ein Sicherheitsrisiko. Die Taschenkontrolle am Eingang ist selbstverständlich. Aber ist es auch die Unfreundlichkeit der Schließerin, die die angeregt plaudernden Besucher – „wir sind hier alle Berliners“ – unmittelbar nach dem letzten Applaus aus dem Saal treibt? Oder die subway, die vor dem erst vor drei Jahren im Untergeschoss eingerichteten Saal immer bei den leisesten Tönen vorbeirumpeln muss? Das Publikum wiederum reagiert mit einer Aufmerksamkeit und Warmherzigkeit, die im kammermusikverwöhnten Berlin selten ist. Vor allem das zweite Konzert ist bei etwa zu drei Vierteln gefülltem Auditorium ein Riesenerfolg. Bravos und standing ovations gibt es bereits nach dem Streichsextett von Erwin Schulhoff, hier gewiss noch unbekannter als in Berlin. Die Graufarbigkeit der knirschenden Sekundklänge des Werkes, in kompromisslosem Experimentierwillen ein typisches Produkt der Zwanziger Jahre, steht in eigenartiger Korrespondenz zu Magees Tapisserie „Erinnerung an Prag“; fahl zerfallen melancholisch umherirrende, Unheimliches vorausahnende Motive. Schuberts großes C-Dur-Quintett schafft da kaum eine Beruhigung: auch in tonaler Vertrautheit geht es um nichts anderes als Todesangst, gegen die eine scheinbar volkstümliche Melodienseligkeit vergeblich anrennt. Erinnerung zurückzubringen, in der Sprache der Kammermusik als Sinnbild für wechselseitigen Respekt, war Dodges Anliegen – es scheint, dass er verstanden wurde.

 

Mit Schönberg durch eine verklärte Nacht
Klaus Geitel (BERLINER MORGENPOST 16.06.06)

Es ist erreicht! Ihre nächste Saison können "SPECTRUM CONCERTS", heute noch wie gewohnt im Kammermusiksaal der Philharmonie untergeschlüpft, im Kleinen Saal der Carnegie Hall in New York eröffnen. Herzlichen Glückwunsch! Er gilt einem künstlerischen Unternehmen ohne Beispiel in Berlin: einer zuhöchst anspruchsvollen Konzertreihe, nun bereits in ihrer 18. Saison, einzig auf Sponsorenhilfe gegründet und ohne programmatische Ranschmeißerei an die Sponsoren glücklich zementiert.

Im jüngsten Konzert standen Schönbergs "Verklärte Nacht" (in der Streichsextett-Fassung), das Nocturne (1960) von Robert Helps und überdies das Streichsextett auf dem Programm, an dem Erwin Schulhoff von 1920 an vier Jahre lang gearbeitet hatte. Als gewaltige, stark gefeierte Draufgabe zur Musik des abgelaufenen Jahrhunderts: das Klarinettenquintett von Johannes Brahms op. 115. Schulhoffs Sextett durchpflügt geradezu die leidenschaftlichen Zwanziger Jahre: die des Komponisten wie die des Jahrhunderts. Es eröffnet sich mit zutiefst expressiver Atonalität. Es springt geradezu kopfüber, kopfunter, wie beim musikalischen Surfen, in die anrollende, hochpeitschend aktuelle Ausdruckswelle und läßt sich von ihr mitreißen. Es ist, als ob Schulhoff erst mit dem 2. Satz wieder zur Besinnung käme - oder sich zu einem anderen Schulhoff gewandelt hätte. Das hat er in der Tat.

Die drei Folgesätze sprechen eine konsequent andere Sprache. So stark sogar, daß nach der Burleske des dritten Satzes kein Halten mehr ist: Das Publikum klatscht spontan in die Satzfolge hinein. Es feiert dieses frenetische Fest der Heimkehr zu volksmusikalischer Grundierung, zur erneuerten Lust an kräftig umgekrempelter Tradition, von den auf wechselnd leisen Sohlen der Melancholie daherschleichenden Ausbrüchen: Achterbahnfahrten des musikalischen Ausdrucks. Anschnallen, bitte!

Das Ensemble der SPECTRUM CONCERTS, mit der Radikal-Geigerin Janine Jansen an der Spitze, trieb die Interpretation mit Nachdruck ins Ziel. Aufmerksam wurde man hier schon auf den Bratscher Maxim Rysanov, der sich prompt in dem folgenden Brahms-Quintett, neben dem Klarinettisten Lars Wouters van den Oudenweijer, als besonders warmherziger Spieler erweisen sollte.

 

Tanz des Schweigens
SPECTRUM CONCERTS erinnert in Berlin an Ernst Toch
Martin Wilkening (FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG 06.05.06)

Es sind nicht immer die edelsten Werke, an die sich prägende Eindrücke knüpfen. Wer das mitreißende Cellokonzert von Ernst Toch heute im Konzertsaal hört, mag nachvollziehen, warum dieser Komponist in den nach aktueller Musik so hungrigen Zwanzigern einst großen Erfolg gehabt hat. Wer aber als Jugendlicher im Schulchor sich einmal selbst mit dem berühmten "Ratibor!" ins Getümmel der Tochschen Sprechfuge stürzen durfte, der bekommt die skandierte Geographie - Konversationsfetzen in Fugenform - nicht wieder aus dem Kopf. Ernst Toch ist kein vergessener Komponist, allenfalls ein Komponist unbekannter Werke.

Dabei haben es seine Instrumentalmusiken aus den Jahren zwischen 1923 und 1933, die ihm erstmals feste Beziehungen zu einem Verlag, regelmäßige Aufführungen und eine gewisse Hörerresonanz bescherten, relativ leicht, einen Platz im Repertoire zu behaupten. Viele andere Werke wirken nach wie vor wie entwurzelt. Die sieben in der Tradition des neunzehnten Jahrhunderts verhafteten Symphonien etwa, die der in die Vereinigten Staaten Emigrierte nach 1947 in Santa Monica und auf Europa-Reisen schrieb, haben noch nicht annähernd das Interesse wecken können, das ihnen angemessen wäre. Der Schriftsteller Lawrence Weschler, ein Enkel Tochs, hat in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift "Lettre" den bemerkenswerten, zwischen Ironie und Schwärmerei balancierenden Bericht eines Impresarios vorgelegt, zu dem er, als vorgeblich "Unmusikalischster" der Familie, bei der Nachlaßverwaltung zwangsläufig geworden ist. Er vermittelt neben Anekdotischem auch eine Annäherung an Tochs Musik, die ebenso unkonventionell und direkt wirkt wie die hochkarätige Toch-Interpretation, die das freie Ensemble der "Spectrum concerts" unter Leitung von Frank S. Dodge nun im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie vorstellte: erfüllt von der Spannung zwischen musikantischem Impuls und dem Ausloten einer Musiksprache, die sich zwischen betonter Zeitgenossenschaft und scheinbar privater, Zeit und Raum entrückter Zuordnung bewegt. Tochs Werke neigen, obwohl er ebenso den frechen Tonfall eines neuen Großstadt-Stils kultivierte, zum Idyllischen - eine Idylle, die auf sehr wienerische Weise auch Verborgenes umhüllt.

Deutlich wurde dies in der kunstvoll abgedämpften Atmosphäre der "Tanz-Suite" von 1924. Der "Tanz des Grauens" deutet sich allenfalls im pianissimo an, wie psychologisch verschoben, in unheimlicher Reduktion auf eine sanfte Kontrabaßkantilene und eine im Pizzicato absinkende Antwort der Streicher. Der "Tanz des Schweigens" entpuppt sich als eine Paradoxie à la Morgenstern. Der tiefe Ernst dagegen im Solo-Monolog des 1925 entstandenen Cellokonzerts, aber auch der dichtgefügte Kontrapunkt des langsamen Satzes und die Beweglichkeit des kecken, teils äußerst verdichteten Eröffnungssatzes weisen das Stück als ein Meisterwerk aus.

Nicht zuletzt dank Christian Poltéra, der auch heikelstes Akkordspiel elegant bewältigte, gewann das Cellokonzert großen Atem, in jedem Moment artikuliert, sinnerfüllt. Tochs Klavierquintett, das einzige größere Werk, das er nach 1938 schrieb, hat es da schwerer. Es spricht in seiner fast gewaltsamen Ausdehnung bei einfarbigen Satzcharakteren die Sprache eines fern von vertrauter Resonanz Schaffenden - aber ohne jene leichte Ironie, die zuvor auch Tochs romantisierende Tendenzen mühelos getragen hatte.

 

Erinnerung an einen Spielmann der Moderne
BERLINER MORGENPOST 05.05.06

Ernst Toch (1887 - 1964) gilt als einer der großen Unbekannten und Vergessenen des 20. Jahrhunderts. Bis zu seiner Emigration 1933 gehörte er zu den meistgespielten zeitgenössischen Komponisten, im amerikanischen Exil versiegte die Kreativität, weil er - meistens vergeblich - jüdische Verwandte zu retten versuchte; erst als alter Mann fand er zur Musik zurück. Die Berliner SPECTRUM CONCERTS bestritten jetzt einen ganzen Abend im Kammermusiksaal mit Toch. Es zeigte sich ein durch und durch musikantisch denkender Modernist, ein Spielmann jenseits aller Theorie.

Die Tanzsuite op. 30 (1924) ist ein transparent gesetztes und dabei kauziges, bunte Melodiescherben auf den Weg streuendes Divertimento. Sein entspannter Gestus geht leider, wie so oft bei Toch, schnell in Spannungslosigkeit über. Auch im Klavierquintett op. 64 (1938) muß man lange Durststrecken bewältigen, um am Ende zur hymnisch sprudelnden Oase zu finden. Christian Poltéra erstaunte dann freilich mit einem großartig ausschwingenden und singenden Impromptu für Solo-Cello op. 90c (1963), bevor ihn das Cellokonzert op. 35 (1925) ins einspurige Gleis zurückzwang. Alle Mitwirkenden, darunter so glänzende Solisten wie Annette von Hehn (Violine) und Lars Wouters van den Oudenweijer (Klarinette), spielten engagiert und höchst ensembledienlich.

Es ist verdienstvoll, Ernst Toch vor dem Abgrund der Vernichtung retten zu wollen, selbst wenn die Unterschätzung vorübergehend einer Überschätzung weicht. Eine Rückkehr ins Repertoire jedoch dürfte sich problematisch gestalten. Dies gelang, trotz aller Bemühungen, nicht einmal Erwin Schulhoff und Berthold Goldschmidt.

 

Konzert zu Ehren von Ernst Toch
Clemens Goldberg (rbb - Radio Berlin Brandenburg, Kulturradio am Morgen 04.05.06)

Irgendwie passiert es bei ihnen immer wieder: bei SPECTRUM CONCERTS weht ein besonderer Geist, der auch neue Mitglieder auf der Bühne ganz besonders präsent und engagiert agieren lässt. Diese besondere Lebendigkeit und die Hingabe an wenig bekanntes Repertoire sind ein Markenzeichen von SPECTRUM CONCERTS.

Zu entdecken war dieses Mal Ernst Toch, vor dem Krieg noch ungeheuer populär, danach in der amerikanischen Emigration völlig vergessen. Besonders eindrucksvoll war der Bruch im Klavierquartett von 1938 zu spüren. Tiefe Leere und Einsamkeit, aber auch sanfte Sehnsucht durchziehen den langsamen Satz. Der letzte Satz dagegen ahnt die ungeheure Gewalt, die auch die Familie Tochs in Deutschland treffen sollte. Ungeheure Klangblöcke rasen aufeinander zu, zermalmen den Hörer geradezu.

Dagegen stehen die Werke der 20er Jahre, eine verrucht-unterhaltsame Tanzsuite in aparter Besetzung mit Schlagzeug und das unglaublich durchsichtig komponierte Cellokonzert mit Kammerorchester – Christian Poltéra sang zum Sterben schön. Hier wird der Verlust besonders spürbar. Das Impromptu für Solo-Cello aus dem Jahr 1963 macht geradezu erschütternd deutlich, dass Toch nur noch Bruchstücke sammeln konnte, die sich nicht mehr wirklich fügen wollen. Wiener Seligkeit, die schmerzt. Auch hier war Christian Poltéra ein idealer Solist.

 

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Frederik Hanssen (DER TAGESSPIEGEL 22.02.06)

Zu Kammermusikaufführungen treffen sich die ernsthaftesten Klassikkenner. Beim dritten Abend der SPECTRUM CONCERTS macht es den Sitznachbarn des Kritikers allerdings deutlich mehr Spaß, gegenseitig Briefchen auszutauschen als Schuberts B-Dur-Trio zuzuhören. Schade, denn auf der Bühne des Kammermusiksaals ist eine interessante Metamorphose zu erleben. In Schuberts A-Moll-Sonate spielen Priya Mitchell und Kathryn Stott noch nebeneinander her, gewissermaßen als Verkörperung der zwei Seelen in jeder Künstlerbrust: Traumverloren gibt sich die Geigerin ihrem Part hin, eine scheue Erzählerin, die an jedem Satzende die Stimme senkt. Die Pianistin dagegen spricht ihre Zuhörer direkt an. Stotts Seelenverwandter ist bei diesem Schubert-Programm Christian Poltéra. In der „Arpeggione“-Sonate begeistert er als leidenschaftlicher Sänger auf seinem Cello wie als gewiefter Rhetoriker .

Gemeinsam wirken diese beiden Aufklärer so zündend, dass sich im Trio sogar Priya Mitchell mitreißen lässt und in den gelösten Tonfall der musikalischen Unterhaltung einstimmt. Womöglich, dämmert es dem Rezensenten, war es die spontane Begeisterung über das Gehörte, die seine Nachbarn zum Briefchenwechsel trieb: „Diese Modulation im Seitenthema über den Tritonus in die Untermediante – genial!“

 

Nieder mit der Herrschaft
Kammermusik als Machtkritik bei den SPECTRUM CONCERTS

Jan Brachmann (BERLINER ZEITUNG 30.11.05)

Rollentauschfeste dienen der Befriedung sozialer Hierarchien und kosmischer Ordnungen. Man kennt das aus Stammeskulturen: Einmal im Jahr werden Männer zu Frauen, Menschen zu Tieren und jeweils umgekehrt. Auch die Oper ist soziales Befriedungstheater, wo sie die Rollen von Herr und Knecht vertauscht: Jeder darf mal; am Ende ist alles wieder beim guten Alten.

Am Montag hörte man im Kammermusiksaal der Philharmonie bei den SPECTRUM CONCERTS, wie Giacchino Rossini dieses feudale Rollentauschgeplänkel in instrumentales Theater verwandelt hat. Der Cellist Torleif Thedéen und der Kontrabassist Stacey Watton spielten ein Duo, dessen Witz eben in jenem karnevalistischen Umkippen der Hierarchie liegt: Da hüpfte im Finale zunächst Watton drollig auf seinen Murky-Bässen herum (um-pah, um-pah), und Thedéen mimte den Kavaliersbariton. Dann wurde das Cello in den niederen Um-pah-Dienst gezwungen und der Bass durfte singen: Ich will selbst den Herren machen, will nicht länger Diener sein.

Dieser Abend war ungewöhnlich lang, knapp drei Stunden, vor allem wegen der großen Streichquintette in C-Dur von Franz Schubert und in G-Dur von Antonín Dvorak. Man hat diese Länge jedoch nie gespürt, weil hier - wieder einmal - so bedachtsam und lebendig musiziert wurde, dass man hätte ganze Tage mit dem Zuhören verbringen mögen. Kann man, wenn Schubert ein dreifaches Piano und dann noch ein Leiserwerden vorschreibt, dieser Anweisung nachkommen? Man kann: Janine Jansen und Julia-Maria Kretz an den Violinen, Maxim Rysanov an der Bratsche, Christina Poltéra und Thedéen an den Celli haben es im Trio des Scherzos bewiesen. Und auch wenn die beiden Geigerinnen sich mit ihren Staccato-Achteln im ersten Satz des Schubert-Quintetts so offensiv in Szene setzten, dass die melodieführenden Celli nicht mehr durchdrangen, lagen die großen Leistungen des Abends bei allen gerade im Vermeiden solcher Eruptionen von Herrschaftsansprüchen.

In den zwei Sätzen für Streichquintett von Alexander Zemlinsky, Musik von unerschüttertem Vertrauen in die Kultur der Innerlichkeit, fanden die Musiker zu einem leisen, farblich präzis abgestimmten Klang, der oft gestrichenen Gläsern nahe kam. Und die verhalten summende Ruhe im langsamen Satz des Dvorak-Quintetts, diesmal mit Joël Waterman an der Viola, zeigte, wie viel Dvorak bei der Vermeidung zielgerichteter Verlaufsformen von Schuberts Quintett gelernt hatte.

 

Später Schubert mit jungen Musikern
Sybill Mahlke (DER TAGESSPIEGEL 30.11.05)

Wenn ein Komponist mit 31 Jahren stirbt, bleibt ihm keine Zeit für einen spezifischen Altersstil. Franz Schuberts großes Streichquintett C-Dur gehört zu den Werken aus dem Todesjahr 1828 und wurde, wie er damals im Herbst des Jahres und des Lebens an seinen Verleger schrieb, „dieser Tage erst probirt“. Ein Meisterwerk ohnegleichen. Dennoch will der Begriff „frühvollendet“ zu der Vitalität der Musik nicht passen. In der Reihe der SPECTRUM CONCERTS war nun eine aufregende Interpretation zu hören. Sie offenbart, wie viel Jugend in dem späten Schubert lebt. So klingt der leidenschaftliche f-Moll-Teil, der fortissimo in das himmlische E-Dur des Adagios einfällt, wie ein Aufbruch in neue Welten, so wollen die sinfonischen Längen gar nicht aufhören zu verweilen. In den Stürmen ist Auflehnung zu hören.

Die Musiker, die den Kammermusiksaal mit diesem jungen Spätstil erobern, sind fast alle unter dreißig. Impresario Frank Dodge steht dafür ein, dass sie eine künstlerische Familie bilden, obwohl sie aus den verschiedensten Ländern stammen: In diesem Fall Janine Jansen (Niederlande) und ebenbürtig Julia-Maria Kretz (Deutschland) an den Violinen, der Bratschist Maxim Rysanov aus der Ukraine als sensibler Mittler zwischen den hohen und tiefen Regionen, Christian Poltéra (Schweiz) und Torleif Thedéen (Schweden) an den Celli, die den grundierenden Melodiesegen austeilen.

Da das Ensemble fähig ist, kaleidoskopartig die Besetzungen zu wechseln, ergibt sich mit Zemlinsky, Schubert und Dvorák ein feiner Streichergruß aus Wien. Das Publikum – darunter Banker John C. Kornblum als Chef des Förderkreises – entspricht dem Geist des Konzerts: Es ist polyglott-familiär

 

Schumann, der Fortschrittliche
Isabel Herzfeld (DER TAGESSPIEGEL 29.09.05)

Wenn der Tagesspiegel mit der 18. Saisoneröffnung von SPECTRUM CONCERTS Berlin seinen 60. Geburtstag feiert, wird der Abend zur gegenseitigen Ehrung. Brückenschläge unternimmt auch das Programm im fast ausverkauften, vor Spannung und Begeisterung vibrierenden Kammermusiksaal. Schumanns Klavierquartett Es-Dur, die romantisch schimmernde Perle in einer erlesenen Kollektion des 20. Jahrhunderts, wird von Janine Jansen, Julian Rachlin, Thomas Carroll und dem unschlagbar souveränen Eric Le Sage so überwältigend schwungvoll, transparent und kommunikativ interpretiert, dass diese Musik an Gegenwärtigkeit nicht zu überbieten ist. Lars Wouters van den Oudenweijer fügt in Aaron Coplands Sextett den frechen, kaltschnäuzigen Großstadtton hinzu, macht mit Emmanuel Pahud auch Elliott Carters Duo „Esprit Rude/Esprit Doux“ zur geistreichen Unterhaltung. Dominiert hier die vorwitzige Klarinette, kann Pahud seine Flötenmelodik der „Second Thoughts“ von Robert Helps anmutig-nachdenklich entfalten. Wenn dann zum Schluss Arnold Schönbergs bahnbrechende Kammersinfonie op. 9, vor 100 Jahren ein Riesenskandal, alle Schrecken der Atonalität einbüßt, sich ganz in klangvolle Virtuosität und packenden Ausdruck auflöst, dann ist auch dieser Dialog zwischen Epochen und Klangwelten, zwischen Spielern und Hörern, hinreißend gelungen.

 

SPECTRUM CONCERTS lassen die Melodien lustvoll sprudeln
(BERLINER MORGENPOST 29.09.05)

"Das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder" - die Melodie ging ihm nicht aus dem Kopf. In Berlin hatte Aaron Copland den Revuefilm "Der Kongreß tanzt" gesehen. Den Ohrwurm daraus verpflanzte er ins Finale seiner "Short Symphony". Burschikos und springlebendig durchstürmte das Spectrum Ensemble die Sextettfassung. Die verfremdeten Melodieteile des Schlagers purzelten lustvoll übereinander her. Daneben klingt Arnold Schönbergs wenig früher entstandene Kammersinfonie ausgesprochen grüblerisch, tiefsinnig, deutsch. Die Musiker vertieften sich energisch in die vertrackten Rhythmen und die aus den Fugen geratene tonale Klangwelt.
Viel Amerikanisches haben die SPECTRUM CONCERTS in Berlin schon vorgestellt und mit Europäischem kontrapunktiert. Im nächsten Jahr bekommt die Reihe einen Ableger in der Carnegie Hall. Dann exportiert das Spectrum Ensemble den europäischen Blickwinkel nach New York.
Quer durch die amerikanische Moderne spielten sich die Musiker im Eröffnungskonzert der 18. Saison. Elliott Carters Duo "Esprit Rude/Esprit Doux" schürt die Kontraste zwischen schrillen und warmen Farben, Springteufelpassagen und flauschigen Tonteppichen. Den Komponisten Robert Helps haben die SPECTRUM CONCERTS durch hartnäckigen Einsatz in Berlin erst bekannt gemacht. Für sein Flötenstück "Second Thoughts" plädierte Emanuel Pahud mit sinnlichem Verführerton.
Auch wenn die amerikanischen Komponisten diesmal in der Überzahl waren, hinterließ doch keine Interpretation einen so starken Eindruck wie die von Robert Schumanns Klavierquartett. Janine Jansen, Julian Rachlin, Thomas Carroll und Eric Le Sage kommunizierten mit einer seltenen Intensität und Hellhörigkeit

 

In Klangräuschen
Vulkanische Musikalität: SPECTRUM CONCERTS im Kammermusiksaal
Peter Uehling (BERLINER ZEITUNG 11.06.05)

Wenn einem nach einer Reihe nicht recht beglückender Orchesterkonzerte die ganze Dirigiererei höchst zweifelhaft scheint, weil die Pultgötter aus Originalitätssucht und Effekthascherei zunehmend nebensächliche Aspekte akzentuieren und hundert andere darüber vergessen - dann ist die Zeit reif für Kammermusik, sollte man sich bei den SPECTRUM CONCERTS mit einer satten Ladung vulkanischer Musikalität beschießen lassen.

Diese Konzerte verlässt man mit dem Gefühl, dass die aufgeführten Stücke auch ohne intensivmedizinische Betreuung durch pädagogische Rahmenprogramme oder extravagante Interpretationskonzepte lebensfähig sind. An vergleichbare Klangräusche wie die am Donnerstag im Kammermusiksaal kann sich der Autor kaum erinnern - und das bei höchstens sechs Streichern! Solches Rauschen kommt bei dem aufgeführten B-Dur-Streichquintett von Felix Mendelssohn Bartholdy und dem Sextett "Souvenirs de Florence" von Peter Tschaikowsky aus der Überschreitung der genormten Stimmzahl, der Aufwertung der Klangmitte, dem Ineinander der Figurationen - und diese Üppigkeit ist der ästhetische Reiz jener Besetzungen, die über das Streichquartett hinausgehen.

Gespür für Prozesse

Mögen sich die Instrumente im Streichquartett, gemäß Goethes strapazierter Metapher, vernünftig unterhalten, in Quin- und Sextetten ist die Unterhaltung entspannt und bietet auch Raum für Klatsch. Kein Wunder daher, dass Tschaikowsky über seinen Florenz-Urlaub ein Sextett schrieb und kein Quartett; auch wenn das, dem aufgewühlten Tonfall nach zu urteilen, gerade keine sehr entspannten Ferien waren. An der Partitur besticht die reibungslose Synthese von programmatischen Elementen und klassischer Form, dazu das ungeheure Vermögen des Komponisten, satztechnische Kompliziertheiten souverän zu vermeiden und alles melodisch ausdrücken zu können - wie nachdenklich wird die sorglos italianisierende Melodie des Andantes gefärbt, nur indem einige schwere Einleitungsakkorde ihren Schatten werfen. Dank solcher Unmittelbarkeit ist es für das von Janine Jansen angeführte Ensemble ein ideales Stück. Dass Jansen, die gerade von ihrer Plattenfirma zur großen Geigerin aufgebaut wird, hier noch als Kammermusikerin tätig ist, ist nicht nur ein sympathischer Zug, es bringt auch ihre künstlerische Eigenart auf's Schönste zur Wirkung. Spielt sie solistisch, tendiert ihre rückhaltlose Ausdrucksorientierung bisweilen dazu, die Musik zu verformen, Steigerungen zu überreißen und Virtuoses aus dem Zusammenhang zu isolieren. In Kammermusik dagegen ist ihr expressiver Impuls disziplinierend in die Mitte genommen, er überträgt sich zwar auf ihre Mitspieler (allen voran Hartmut Rohde, Viola, und Christian Poltéra, Violoncello, mit denen sie intensiv dialogisiert), aber er gewinnt an diesem Widerstand auch Halt. Die Aufführung besticht durch ihre Ausdrucksintensität und offenbart dennoch ein genaues Gespür für die formalen Prozesse. Bestechend, wie sich in der Überleitung zum zweiten Thema die Erregung hält und das zweite Thema selbst sich fast beiläufig einschleicht, über einem Untergrund, der sich noch gar nicht recht zur Begleitung beruhigen mag - und auf diese Weise spürt man, was man sonst analysieren müsste, dass nämlich die Begleitung aus dem erregten Hauptthema abgeleitet ist. An Erstaunlichem gäbe es noch viel zu berichten. Etwa über Mendelssohns spätes Quintett, das in dieser Aufführung an Klangfülle, Spannkraft und Poesie an das frühe Oktett heranreichte. Aber auch über den starken Eindruck des 1925 entstandenen Duos für Violine und Cello von Erwin Schulhoff: Ein vielgesichtiges, zwischen Verinnerlichung und rasanter Virtuosität reich abgestuftes Stück, das die klanglichen Begrenzungen seiner Besetzung schnell vergessen macht und reizvoll zwischen Ravelscher Eleganz und Janacekscher Intensität schwingt.