Spectrum Concerts Berlin, 1988-2014

The First 26 Years 1988-2014

Im geschichtlichen Rückblick wirken manche Ereignisse wie Vorboten größerer Veränderungen. Die Spectrum Concerts Berlin traten am 22. Januar 1988 zum ersten Mal an die Öffentlichkeit, knapp zwei Jahre, ehe die Mauer fiel. Im Musikleben des noch geteilten Berlin setzten sie neue Zeichen in dreierlei Hinsicht: 1) in ihrem Repertoire und der Art ihrer Programmgestaltung, 2) in Zusammensetzung und Kooperation des Ensembles, 3) in der Art ihrer Finanzierung.

Für die Programmgestaltung waren von Anfang an zwei Begegnungen grundlegend: (1) die Musik des 18. und 19. Jahrhunderts begegnet Musik der aktuellen Gegenwart, (2) Musik aus Europa begegnet Musik aus den USA, in beiden Fällen also die so genannte Alte der Neuen Welt in der Tonkunst. Der transatlantische Brückenschlag war auch von dem Bewusstsein getragen, dass viele NS-verfolgte Künstler, unter ihnen führende Komponisten ihrer Zeit, in den USA Zuflucht fanden und dort teils das Musikleben mitgestalten konnten, teils zusätzlich zum äußeren noch ins innere Exil gingen. Exilkomponisten waren im deutschen Nachkriegsrepertoire nur spärlich vertreten. Dass Komponisten wie Ernst Toch, in den 1920er-Jahren einer der am häufigsten aufgeführten, in den letzten Jahren wieder ins öffentliche Bewusstsein rückten, ist ein Verdienst der Spectrum Concerts Berlin.

Für das Ensemble der Spectrum Concerts Berlin gewann Frank Dodge, gebürtiger Amerikaner, Musikerkollegen, die international als Solisten konzertieren, und junge Künstler, die am Anfang einer verheißungsvollen Karriere stehen, unter ihnen sind seit Auflösung der starren Machtblöcke auch zunehmend Musiker aus Osteuropa. Kontinuität und ständige Erneuerung spielen bei Spectrum belebend und qualitätsfördernd ineinander. Die Künstler sind von dem gemeinsamen Wunsch beseelt, Kammermusik auf bestem Niveau aufzuführen, denn darin ist jeder als Solist und zugleich als sensibler Teil einer Gemeinschaft gefordert; Freiheit und Verantwortung verbinden sich, die Künstler wollen nicht in ihrer Vereinzelung, sondern als Gemeinschaft brillieren. Der Kammermusik haben Komponisten seit Haydn und Beethoven ihre zukunftsweisenden Gedanken anvertraut, sie war einerseits das Laboratorium großer symphonischer Werke, andererseits die Verdichtung der Erfahrung, die mit jenen gesammelt wurde. Seit der klassischen Ära ist sie daher ein lebenswichtiger Teil der abendländischen Musik.

Als offenes Ensemble kann Spectrum in jedem Programm mit verschiedenen Besetzungen auftreten; die Programmgestaltung gewinnt dadurch größere Flexibilität und inhaltliche Dichte als bei Ensembles, die nur in einer gleichbleibenden Zusammensetzung auftreten können.

Seit der Gründung geben engagierte und couragierte Privatpersonen, Firmen und Stiftungen den Spectrum Concerts Berlin Basis und Zukunft. Diese Methode, Kultur privat zu finanzieren, wird in den achtziger und neunziger Jahren als Pionierarbeit betrachtet. Bundespräsident a. D. Dr. Richard von Weizsäcker, Ehrenmitglied des Förderkreises Spectrum Concerts Berlin e. V., rief anlässlich der 15. Saison in Erinnerung: „Kultur und Kunst leben davon, dass wir nicht nur konsumieren, sondern sie mit unseren bescheidenen Mitteln fördern.“ 1995 wird der Förderkreis Spectrum Concerts Berlin e. V. gegründet. Rolf Liebermann und Wolfgang Stresemann sind die ersten Ehrenmitglieder. Anlässlich der zweiten „American Music Week Berlin“ wird die Ehrenmitgliedschaft des Förderkreises an die Komponisten John Harbison und Robert Helps verliehen. Am 17. Juni 2003 wird Dr. Richard von Weizsäcker Ehrenmitglied, seit Juni 2011 ist auch Nina Baronin von Maltzahn Ehrenmitglied des Förderkreises.

Spectrum setzte Trends, blieb am Trend und verhielt sich zugleich azyklisch. Um 1990 waren auch die kulturpolitischen Überlegungen in Deutschland auf das eigene Land und die europäische Perspektive konzentriert. Spectrum hielt die transatlantische Verbindung musikalisch präsent, weil die Künstler und ihre Unterstützer wissen, dass durch Kunst und Kultur langfristige Brücken der Verständigung geschlagen werden, deren Tragfähigkeit sich unabhängig vom Auf und Ab der politischen Beziehungen beweist. Private Finanzierung kultureller Initiativen wurde in den neunziger Jahren als Zukunftsmodell propagiert. Spectrum schuf bei sich von Anfang an die Basis dafür. Aber die Künstler und der Freundeskreis verfielen nie dem Irrtum, dass sie sich durch angeblich „gefällige“ Programme einen Marketing-Vorteil verschaffen könnten. Sie ehren und überzeugen ihr Publikum außer durch Qualität auch dadurch, dass sie ihm wie sich selbst die Lust am Anspruchsvollen und die menschlich selbstverständliche Neugier zutrauen.

Spectrum Concerts Berlin hat Komponisten wie John Harbison, Tison Street, David Del Tredici, Stanley Walden und Laura Schwendinger bekannt gemacht. Robert Helps wurde besondere Aufmerksamkeit zuteil, denn er symbolisiert in seiner Person und in seiner Musik die Idee des Brückenschlags, die für Spectrum Concerts grundlegend ist. Er war Komponist und Interpret, komponierte vom Instrument, vom Klang her. Gebürtiger Amerikaner, stand er in engem Kontakt mit Emigranten aus Europa und setzte sich für die Aufführung ihrer Werke ein. Der Geist der produktiven Auseinandersetzung bestimmte auch sein Kompon-ieren, eine klangfreudige Moderne von unmittelbarer Überzeugungskraft.

2005, in einer Zeit, in der amerikanische Berufsorchester und Kulturinstitutionen unter starken finanziellen Einschränkungen litten und ihre Aktivitäten zum Teil deutlich reduzieren mussten, gründete Frank Dodge (wiederum azyklisch, aber zukunftsweisend) Spectrum Concerts Berlin–USA, Inc.. Im November 2006, im April 2008 und im Dezember 2011 gastierte das Spectrum Ensemble in den USA, konzertierte in der New Yorker Carnegie Hall, gestaltete im New Yorker Times Center, am College of Staten Island, im Goethe Institut Los Angeles und in der Villa Aurora Konzerte als Hommages an die Exilkünstler Ernst Toch und Paul Hindemith. Im Dezember 2011 wurde das Robert-Helps-Projekt in der Heimat des Komponisten vorgestellt.

Am Ende der 27. Saison werden neue Herausforderungen auf Musiker, Freunde und Organisatoren von Spectrum Concerts Berlin warten.

Habakuk Traber

„ Berlin ist im Laufe seiner Geschichte zu einer Musikstadt ohnegleichen geworden. Sie lebt indessen nicht allein von festen Institutionen oder alten Überlieferungen. Entscheidend sind vielmehr große künstlerische Persönlichkeiten, auf die die Stadt immer von Neuem angewiesen ist. Dafür sind Sie, lieber Frank Dodge, durch Ihre Arbeit während der letzten zwanzig Jahre für mich und für die Berliner Musikwelt zum prägenden Symbol geworden.“

Richard von Weizsäcker