30th Season 2017 / 2018
30th Season  2017 / 2018 

 

Ein Amerikaner in Berlin:

Vor 14 Jahren hat der Cellist Frank S. Dodge ein Kammermusik-Ensemble gegründet - ohne jede Subvention. Es wurde ein Riesenerfolg.

Heute wird Richard von Weizsäcker Ehrenmitglied.                      

von Alexander Remler

 

16. Juni 2002

 

Auch im Leben eines Ausnahmemusikers kommt der Moment des Zweifels. Nicht oft, das nicht, «höchstens vier oder fünf Mal täglich», wie Frank S. Dodge sagt. Er sagt das mit einem Augenzwinkern, und so bleibt offen, wie viel Ernst sich hinter der Ironie ver-birgt. Natürlich, so fährt der 52 Jahre alte Cellist fort, gebe es diese Momente, in denen er nahe dran sei, alles hinzuschmeißen. In denen er nach seinem Cello greife und sämtliche Türen hinter sich schließe, um für die nächsten Stunden unerreichbar zu sein und in die Welt der Musik abzutauchen.

 

Andererseits: Wer zu viel zweifelt, der verzweifelt irgendwann. Und so ein Typ ist Frank S. Dodge nun wirklich nicht. Eher pragmatisch ist der Amerikaner, der seit 1982 in Berlin lebt. Und deshalb denkt er in schwierigen Zeiten lieber daran, was er mit seinem 1988 gegründeten und rein privat finanzierten Kammermusikensemble Spectrum Concerts schon alles erreicht hat. Seit Jahren ist ihm die Anerkennung von Publikum und Kritik sicher. Das Ensemble hat seinen festen Platz im Kulturkalender der Haupt-stadt. Und heute Abend verleiht es sogar dem ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker in einem Festakt im Magnus-Haus in Mitte die Ehrenmitgliedschaft.

 

Nach der Sommerpause geht Spectrum Concerts in die 15. Saison - die Konzertsäle sind gebucht, die Termine stehen. «Was nicht feststeht, das ist, wo 92 Prozent des Etats herkommen sollen,» sagt Frank S. Dodge. Und so lange er das nicht weiß, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich an sein bewährtes Lebensmotto zu halten: «Du musst immer an dich glauben. Wenn das nicht mehr klappt, dann musst du hoffen. Und wenn selbst das nichts hilft, dann brauchst du unbedingt eine Flasche Wodka

 

Und noch während er spricht, greift er zu einer Kanne, die auf dem Wohnzimmertisch seiner Schöneberger Altbauwohnung steht. Nein, darin ist kein Wodka, darin ist Jas-mintee. Womit bewiesen wäre, dass die Wodka- Phase derzeit kein Thema ist. Und auch, dass er sich mit der angespannten Situation um sein Ensemble ganz gut ab-gefunden hat. An den Wänden hängt moderne Malerei, auf dem Tisch steht eine große Vase mit Lilien. Lässig lehnt sich der Musiker, der Sneakers zu schwarzen Jeans und einem schwarzen Sweat-Shirt trägt, in seinem Sessel zurück.

 

Überall in der Wohnung stehen großformatige Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Fotos aller Ensemblemitglieder. In der nächsten Woche sollen sie in der Philharmonie ausgestellt werden. Frank S. Dodge hat gerade die Reihenfolge der Fotos festgelegt. Und, nein, der Eindruck täuscht nicht - der Weltklassecellist ist nicht nur Gründer und Künstle-rischer Leiter des Ensembles, sondern auch so eine Art Mädchen für alles. Verantwortlich für die großen und die kleinen Fragen.

 

1982 ist der Bostoner mit einem DAAD-Stipendium nach Berlin gekommen und hat bald festgestellt: «Liebe, Rotwein, Musik, in dieser Stadt hatte ich alles, was im Leben wichtig ist.» Also ist er geblieben. Hat sein Geld zunächst als Aushilfsmusiker bei verschiedenen großen Orchestern verdient. Unter anderem bei den Berliner Phil-harmonikern. Mit der Gründung von Spectrum Concerts Berlin kam die Erfüllung eines lang gehegten Traums - ein eigenes Ensemble zu führen, ohne staatliche Mittel zwar, dafür aber auch ohne jemanden, der in das Programm hineinredet. Eine in der damals noch an den Subventionstöpfen des Bundes hängenden Stadt ungewöhnliche Idee. «Aber wieso sollte hier nicht klappen, was ich schon aus Amerika kannte?» Also rief er 1988 kurzerhand im Otto-Braun-Saal an und buchte vier Abende - einfach so und ohne Geld. Spectrum Concerts Berlin war geboren.

 

Mit der so oft zitierten Berliner Subventionsmentalität kommt Frank S. Dodge bis heute nicht klar. «Man schläft dadurch viel zu leicht ein», findet er. Er will das, allerdings ohne Namen zu nennen, durchaus als Seitenhieb auf einige etablierte Häuser der Stadt

verstanden wissen. «Künstler müssen auch kämpfen können.»

 

Ja, aber wenn ihn doch dauernd Sorgen um die Existenz seines Ensembles plagen, kommen da nicht manchmal die künstlerischen Aspekte zu kurz? «Das vielleicht schon», antwortet er, «dafür kommen bei anderen Künstlern die Sponsorensuche und

Managementqualitäten, die auch wichtig sind, viel zu kurz.» Als Abschied von künstle-rischen Träumen will er das auf keinen Fall verstanden wissen. «Es ist auch  schade, nicht die Realität zu sehen.» Denn: «Musiker zu sein, das heißt nicht nur, mit spitzer Nase in die Partitur zu schauen.»

 

Überhaupt gebe es viel zu wenig Leute in der Stadt, die, anstatt dauernd zu lamentie-ren, kulturelle Verantwortung für die Gemeinschaft zeigten. Wenn es das mehr gäbe, davon ist Frank S. Dodge überzeugt, könnte Berlin eine Renaissance erleben. «Das Potenzial ist doch da. Deshalb ist Berlin auch eine wahnsinnig reiche Stadt», meint er.

 

Mit Spectrum Concerts leistet er seinen Beitrag dazu. Ihm ist es gelungen, in Berlin eine erstklassige Kammermusikreihe zu etablieren, die zeitgenössische amerikanische Musik und europäische Klassik miteinander verbindet. Die musikalische Brücke zwischen Alter und Neuer Welt zu schlagen, das ist durchaus kein Zufall. Das deutsch-amerikanische Verhältnis ist ihm eine Herzenssache. «Da könnte noch viel mehr getan werden», findet er. Denn die transatlantischen Beziehungen hält er zurzeit für ziemlich problematisch. Die Worte wählt er nun vorsichtiger. «Bei dem Thema muss man vor-sichtiger sein.» Natürlich, das sieht er auch, werde politisch im Moment der Graben größer. Aber: «Kulturell verbindet uns doch so viel.»

 

Kein Zweifel besteht daran, und das wird ihm von allen Seiten bestätigt, dass Frank S. Dodge der wahrscheinlich beste Brownie-Bäcker der Stadt ist. Aha, das ist also abseits der Musik sein ganz persönlicher Beitrag zur amerikanischen Kultur in der Stadt? «Na ja, nicht so ganz», antwortet er und lacht. «Diese Art von Kultur war schon vor mir da. Und Brownies zu backen, das habe ich überhaupt erst in Berlin gelernt.»

 

Zum Abschluss der 14. Saison findet am 20. Juni um 20 Uhr im Kammermusiksaal der Philharmonie ein romantisches Sommerkonzert statt. Um 19.15 Uhr gibt es eine Einführung von Habakuk Traber.

Alexander Remler

Artikel als PDF
glaube_hoffnung_wodka.pdf
PDF-Dokument [141.1 KB]