30th Season 2017 / 2018
30th Season  2017 / 2018 
30 Jahre SPECTRUM CONCERTS BERLIN 1988 - 2018

"Defending Feeling and Time - 30 Years Spectrum Concerts"   

 

John H. Beck

 

Zwei Grunderkenntnisse sind für unser Denken über Gesellschaft seit Ende des 20. Jahrhunderts bestimmend geworden: Erstens, dass das Bedürfnis des Menschen, sich seiner Identität über den materiellen Besitz zu vergewissern, zur Triebfeder des Marktgeschehens umfunktioniert werden kann („Konsumkapitalismus“). Zweitens, dass der freie Wettbewerb eine unablässig beschleunigte Jagd nach unserer Aufmerksamkeit in Gang setzt („Sättigungswerbung“).

 

Selbst unsere innersten Gefühle, mit denen wir uns und anderen Aufschluss darüber geben, wer wir sind, stehen inzwischen im Dienst von Kaufentscheidungen. Das Werk von großen Künstlern wie Goethe wiederum zeigt uns, zu welch tiefen Einsichten in das Wesen der Welt und anderer Menschen wir vordringen können, wenn wir uns in geduldiger Beobachtung und Reflexion üben. Dafür aber fehlt es uns heute an Zeit und geistigem Spielraum.

 

Die Musik vermag es, mit ihren vergänglichen Klängen das Wesen von Gefühlen zu erfassen und in unserem Inneren dauerhaft nachzuklingen. Auf besonders spürbare und subtile Weise vermittelt sich das, wenn Spectrum Concerts Berlin sein kammermusikalisches Repertoire zu Gehör bringt. In den Konzerten öffnet sich den Zuhörern ein emotionaler Resonanzraum an der Grenze von Zeitlosigkeit und Stille.

 

Die Welt, in der wir leben, verlangt uns Beschleunigung ab und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf alles gleichzeitig. Sie versucht, unsere Gefühle zu Geld und uns zu gefügigen Zahnrädern in der globalen ökonomischen Maschinerie zu machen. Darin einen Raum zu schaffen, in dem wir ungestört mit unserem Denken und Fühlen in Kontakt treten, mit dem, was uns im Kern als Menschen ausmacht, kommt einem Akt des Widerstands gleich und erfordert große Hingabe. Spectrum Concerts Berlin versteht genau das als seine Verantwortung und Mission. 

 

Anne Vonderstein,

Deutsche Übersetzung

 

 

 

 

 

 

 

 

Among the major social discoveries of the late 20th century are two: that economic life can be powered by individuals’ desire to express the reality of their beings through possessions (“consumerism”), and that a constant acceleration of demands on our attention are required in the process of free-market competition (“saturation advertising”).

 

 

 

 

We know and express ourselves through the most intimate of our feelings, but this is now being linked, constantly, to purchasing decisions. And we know others and the world through the devoted and sustained attention mastered by great artists like Goethe, but we are left little time and mental space for this activity.

 

 

 

 

Music is the substance of feeling made manifest in the flow of time, and in the chamber music which is the repertory of Spectrum Concerts Berlin this is exposed, revealed, with the greatest care. And this draws from its audiences a mirroring receptiveness to feeling that is sustained all the way to the edge of timelessness and silence.

 

 

 

 

Our world today would like to accelerate us, split our attention, monetize our feelings, program us as part of a global economic machine. To protect a space for higher human capacities, for the whole feeling of being human (das Gefühl), is today a very special and sacred work. Spectrum Concerts Berlin cherishes this responsibility.