29th Season 2016 / 2017
29th Season  2016 / 2017 

Zehn Jahre Zusammenarbeit

Habakuk Traber

 

 

12. Juni 2009

 

Lieber Frank,

 

Heute will ich mich einmal bei Dir und Deinen Spectrum-Mitstreitern bedanken. Seit zehn Jahren arbeiten wir nun zusammen. Es macht mir nach wie vor große Freude. Nicht nur, weil ich bei Euch die gegenseitige Achtung und Wertschätzung erlebe, die für mich ein wesentliches Zeichen kultivierten Umgangs ist. Mindestens ebenso sehr freue ich mich über Eure Arbeit, die nach meiner Beobachtung des Musiklebens nötiger ist denn je, es sei denn, man hielte Kulturverzicht für einen menschlichen Wert. Seit eini-gen Jahren beobachte ich mit Bedauern, dass die Ansprüche an die Kammermusik im Umkreis der Berliner Orchester zurückgenommen werden.

 

Selbstverständlich gibt es gute, auch sehr gute Konzerte. Aber das Zusammenwirken von Leidenschaft, Willen zu vollendetem Spiel, Neugier und Mut im Repertoire, wie ich es bei Euch finde, lässt allgemein nach.

 

Ich schätze es sehr, dass ihr in ganz unterschiedlichen Besetzungen auftreten könnt. Damit könnt Ihr bestimmen, welche Farbe ein Konzert haben soll: bunt und vielgestal-tig; oder eher so, das sich vor einem einfarbigem Hintergrund ganz unter-schiedliche Werkcharaktere abheben.

 

Die meisten Kammermusikvereinigungen haben diese Möglichkeit nicht. Das Beispiel hat ja Schule gemacht. Was wären Komponisten wie Kaija Saariaho oder Magnus Lindberg, was wären Dirigenten wie Esa-Pekka Salonen, Jukka-Pekka Saraste oder Sakari Oramo ohne das Ensemble Avanti!, mit dem sie ihre Laufbahn begannen? Avanti arbeitet heute noch immer nach dem Prinzip: es gibt einen Kern von Musikern, der sich nach Bedarf erweitern lässt. Andere Ensembles, die für neue Musik und für spannende Konstellationen mit überlieferten Werken eintreten, arbeiten ebenso: etwa das Ensemble Aventure oder das Ensemble Surplus, das Asko Ensemble – die Bei-spiele ließen sich vermehren. Das ist Spectrum-Prinzip, und das ist, wie leicht nach-zuvollziehen, aktuell.

 

Gegenüber all diesen Ensembles aber habt Ihr einen entscheidenden Vorteil: Spectrum konzertiert mit Musikerinnen und Musikern, die sich international als Solisten profilieren, und die die Kammermusik als Form sensibler gemeinschaftlicher Äußerung nicht nur lieben, sondern brauchen. Das gibt Euren Interpretationen die unnachahmliche Mi-schung aus Perfektion und Leidenschaft. Jedes für sich bekommt man öfter, beides zusammen höchst selten. Ich bin ja wegen der Einführungen immer einigermaßen gut auf die Werke vorbereitet (ich bilde mir das wenigstens ein). Oft gehe ich dann aber aus dem Konzert mit dem Eindruck: Du hast die Werke neu gehört, hast Seiten an ihnen erkannt, die Dir bisher nicht klar waren. Einen besseren Beweis für Qualität, Sinn und Wirkung einer Interpretation kann es meines Erachtens nicht geben. 

 

Lass mich noch etwas zu Repertoire und Programmgestaltung anmerken: Dass Spectrum Komponisten bekannt gemacht hat, dass Ihr bedeutende Werke durch be-harrlichen Einsatz dem Vergessen entrissen habt (Toch, Schulhoff!), dass Ihr auch in Zeiten, in denen das nicht selbstverständlich war, die Verbindungen Europa–USA als Koalition der Kultivierten gepflegt, das wissen wir, das wissen auch alle, die mehrmals bei Spectrum waren. Aber vielleicht macht man sich nach Jahren der Gewöhnung an das Gute nicht mehr hinreichend klar, worin seine Wichtigkeit eigentlich besteht. Kam-merkonzerte wurden immer von denen besucht, die sich gründlicher, konzen-trierter, aktiver auf die Musik einlassen wollten. Kammermusik ist keine Massenkommunika-tionsform, sondern immer ein direktes musikalisches Reden mit Freunden, wie groß das Auditorium auch immer ist. Deshalb ist die Spannung in Kammerkonzerten immer eine andere als in Symphonie-konzerten. Kammermusik kann niemanden bedrängen oder mit Klanggewalten überfluten. Ihre Wirkung hängt immer auch vom Beitrag des Hörers selbst ab.

 

Selbstverständlich bildet dieses Publikum den gesellschaftlichen Kern kultivierter Musikhörer. Von ihm aus geht die Wirkung in die Breite. Wer den Kern beschädigt, gefährdet alles. Wenn wir diese Art des Publikums nicht mehr pflegen, nicht mehr um neue Hörer für die Abenteuer der Kammermusik kämpfen, dann werden auch die größeren Auditorien irgendwann ihren Rückhalt verlieren. Nicht heute, nicht morgen, aber in absehbarer Zeit. Kultur bewegt sich in Epochen, nicht in Jahren, nicht in Legislaturperioden. Das muss man bedenken. Zur Pflege aber gehört auch die Her-ausforderung, die Weitung des Horizonts, das Bewusstsein für seine Weite. Genau an dieser Stelle bewährt sich Spectrum.

 

Lieber Frank, ich weiß, wie schwer es ist, diese Rolle durchzuhalten, bei der die An-erkennung, wenn überhaupt, oft erst nach Jahren kommt, wenn sich die Pionierideen verbreitet haben. Aber einer muss sie entwickeln und in die Welt setzen. Wir brauchen diese Arbeit. Wenn man dem kulturellen Engagement die Spitze nimmt, gerät es ins Trudeln. Obwohl ein Nachkriegsgeborener, weiß ich, wie wichtig für uns Deutsche (und nicht nur die Hörer klassischer Musik) die Kultur war, um wieder in die zivilisierte Völkergemeinschaft zurückzufinden. In jedem substanziellen Kulturverlust sehe ich daher eine langfristige Gefahr.

 

Nun habe ich doch nach vielen Worten noch zu einem elegischen Schluss gefunden. Dabei wollte ich mich eigentlich nur bedanken und meiner Hoffnung auf Deine weitere Kraft für Spectrum Ausdruck geben. Aber ich denke, Du wirst die Ermutigung verste-hen, die ich damit aussprechen wollte.

 

In herzlicher Verbundenheit grüßt Dich

 

Habakuk